Sonntag, 31. August 2008

Leben und Sightseeing in Singapur



你好! (in unserer Schrift "ni hao", heißt "Hallo" auf madarin)

Gerade sitze ich in meinem Zimmer im Studentenwohnheim, trinke „fresh-kiwi-juice-ice-blend“ und überlege ob ich heute Abend lieber chinesisch, japanisch, tailändisch, indisch oder vegetarisch essen gehe. Oder doch lieber muslimische Küche? Oder lieber free-food aus der Nachbarresidenz, weil dort heute jeder Cluster mit einem Gericht zum Abendessen beiträgt? Der erste richtige Sonnenbrand ist inzwischen schon wieder fast ganz verheilt und Picasa überträgt gerade die Bilder von Indonesien auf meinen PC. Der Schreibtisch ist zugemüllt mit Blättern aus meinem Quanteninformations - theorie-Projekt. Lauter Bras und Kets und n-dimensionale Kugelkoordinaten.

Heute vor genau einem Monat bin nach Singapur geflogen, höchste Zeit also etwas über das Leben und die Sehenswürdigkeiten hier und über das lustige Völkchen das hier lebt zu erzählen. Auf den ersten Blick ist Singapur vor allem warm, feucht und groß. Aber natürlich stecken viel mehr Facetten dahinter.


Aber nun erst mal ein paar Wörter zu den oben erwähnten Schlagworten. An die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit im Freien habe ich mich sehr schnell gewöhnt – etwas schwerer tue ich mich mit den Temperaturen in Hörsälen, öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln. Die sind, dank „aircon“ etwa 10 Grad kälter. Nun mag 22 Grad auf den ersten Blick nach einer angenehmen Temperatur klingen, aber wenn man sich an die Temperaturen im Freien gewöhnt hat ist es einfach nur unglaublich kalt. So kommt meine gefütterte Jacke also hier doch noch zum Einsatz ;-)
Singapur gilt hier in der Region als der Prototyp einer funktionierenden „Multikulti“ – Gesellschaft. Da es eine unglaublich junge, große Stadt ist besteht sie de facto nur aus Einwanderern der umliegenden Regionen. Die Schwierigkeiten einen „eingeborenen Singapurianer“ zu finden beginnen schon bei der Definition. Reicht es hier geboren zu werden oder müssen die Eltern auch aus Singapur stammen? Und jemanden zu finden der aus der dritten Generation Einwanderern stammt ist schon praktisch unmöglich. Das Ganze hat natürlich viele Vorteile aber bringt auch einige Schwierigkeiten mit sich.




Zum einen bringen die verschiedenen kulturellen Hintergründe der Einwanderer einen unglaublichen kulturellen Reichtum in diese Stadt. Das sieht man in der Architektur, an den verschiedenen Stadtteilen (Little India und Chinatown sind sicherlich die bekanntesten), den verschiedensten Gotteshäusern die nebeneinander stehen, in der Kunst, in dem Leben auf der Straße, an den vielen verschiedenen Sprachen die hier durch die Gegend schwirren (wie – du sprichst NUR deutsch, englisch und französisch? – das sind ja nur drei Sprachen!) und eigentlich an jedem Aspekt des täglichen Lebens. Unter anderem z.B. am Essen. Es gibt hier unglaublich tolles, unglaublich verschiedenes und unglaublich günstiges Essen. Es ist z.B. deutlich günstiger chinesisch essen zu gehen als selber zu kochen. Essen gibt es nicht nur in sogenannten großen Foodcourts sondern auch in kleinen Foodstalls auf der Straße. Ob komplette Gerichte, frisches Obst (das ist immer etwas abenteuerlich – standardfragen: What to you call it? How do you eat it? Can you really eat this part? What was the name again?. Meine neue Lieblingsfrucht ist glaube ich Rambutan – schmeckt wie eine Kreuzung aus Litschi und Grapefruit und sieht von außen knallrot und stachelig aus) oder fresh fruit juice (kiwi juice… hmmmm…. Banana juice…hmmm….aber Papaya juice…bäääh) – alles sooo lecker und soooo billig. Deutlich billiger als selber kochen übrigens, was dazu führt das ich normalerweise essen gehen und nur um das kochen willen selber mal koche. Zum Beispiel letzten Mittwoch, als wir einen malayischen Geburtstagskuchen gebacken haben. Nennt sich "kuih" und wird nicht im Ofen gebacken sondern im Topf gedämpft und enthält weder Kuhmilch noch Eier noch Hefe - aber war sehr lecker! Und man trifft eben an jeder Straßenecke Leute aus China, Malaysia, Indonesien, Philippinen… und erfährt so ne ganze Menge über die Kultur dort und was man unbedingt sehen sollte wenn man mal hinfährt und was lieber nicht. Selbst wenn man Singapur nicht verlässt lernt man hier doch schon eine ganze Menge über ganz Südostasien. Trotzdem ist Singapur extrem verschieden vom restlichen Teil Südostasiens, zumindest was ich bisher gesehen habe. Aber dazu später mehr.




Aber natürlich gibt es auch Aspekte der verschiedenen Kulturen die sich nicht so einfach vermischen lassen bzw. nicht so einfach nebeneinanderher existieren können. Das heißt, sie können schon aber sie sollten vielleicht besser nicht. Worauf ich hiermit anspiele ist die Sprache. Man sollte meinen Englisch wäre Englisch, Chinesisch wäre Chinesisch (und mandarin wäre mandarin und kantonese wäre kantonese) und Malay wäre Malay und man müsse sich halt für eine Sprache entscheiden wenn man was sagen will. Weit gefehlt! Man auch durchaus alles zusammen und gleichzeitig sprechen, das Resultat nennt sich dann „Singlish“ – aus „Singapur“ und „English“. Die Grundlage ist glaube ich schon irgendwie englisch, aber ich tue mich sehr schwer damit richtiges Singlish zu verstehen. Das Problem sind dabei weniger die neuen Wortschöpfungen (z.B. wird am Satzende gerne ein „-lah“ angehängt um die Aussage zu betonen), denn ein paar Vokabeln mehr könnte man schon lernen. Das Problem ist eher das von jedem Wort nur etwa die ersten drei Buchstaben ausgesprochen werden und von jedem Satz nur etwa zwei Drittel des Satzes – der Rest wird verschluckt. Man vermeidet so natürlich sämtliche Grammatikprobleme aber das Verständnis ist doch etwas erschwert. Hinzukommt eine sehr chinesische Aussprache. Ich habe mich ein ganzes Tutorial lang gewundert was für seltsame tropische Tiere „ma“ und „au“ sind, bis ich durch nachlesen der Aufgabenstellung im Buch herausgefunden habe dass wir gerade die Lebenszyklen von „mice“ und „owls“ simulieren. Auch habe ich eine Weile gebraucht um herauszufinden was die Dame am Foodstall jedesmal wieder von mir wollte : „Taiauaiohavihi?“ Soll heißen: „Take away or having here?“. Übrigens habe nicht nur ich dieses Sprachprobleme sondern auch die verschiedenen Einwanderergruppen zwischen einander. Dieses Kommunikationsproblem senkt auch notgedrungen das Niveau der Universitätsvorlesugen etwas. Naja, ich lerne dazu und nehme mir ganz fest vor meinen komischen deutsch-irischen Akzent zu behalten.



Was ist hier noch richtig typisch Singapur? Verglichen mit dem Rest Südostasiens hat dieser Stadtstaat extrem viel Geld und scheut auch nicht davor es zu reinvestieren. Sämtliche Technik ist auf dem neusten Stand (zumindest deutlich moderner als München/TUM..). Während die TU es nun vor einem Jahr endlich geschafft hat Mensakarte und Bibliothekskarte auf einem Studentenausweis zu vereinigen läuft hier schon seit Jahren alles mit einer Karte. Getränkeautomaten, Zugang zu den verschiedensten Räumen, Schwimmbad zutritt, Bibliothekssystem, Computer (Übirgens komplett mit Vista, Mathematica, Mathlab…. und top-gewartet, hab noch keinen abstürzen sehen), Healthcare Centre – eben das komplette Leben auf dem Campus. Mit einer(!) weiteren Karte hat man dann zusätzlich die gesamten öffentlichen Verkehrsmittel (die Bahnen verkehren im 3min-Takt, auf manchen Strecken übrigens führerlos) , Drucker und Kopierer abgedeckt. Außerdem kann man an vielen Automaten und Geschäften bargeldlos damit zahlen. Und in München haben wir Streifenkarten…..!
Apropos „alles in einem“: Was auch noch (zumindest vom Prinzip her) ganz klasse ist, ist das sogenannte „IVLE“ – System, steht für Integrated Virtual Learning Invironment. Man geht auf die homepage, loggt sich ein (wär häts gedacht, mit der Nummer die auf der Studentcard draufsteht mit der man ja alles auf dem Campus machen kann + natürlich Passwort) und hat dann da – alles. Persönlicher Stundenplan mit Räumen, eine Liste der Vorlesungen wo man dann auch die Infos zur Vorlesung, das jeweilige Prüfungssystem, die aktuellen Mitteilungen und Hausaufgaben, die Lecture notes (gibt’s zu jeder Vorlesung, ist hier Pflicht), die Prüfungstermine, etc. Will man ein Module hinzufügen oder eines aus seinem Studenplan entfernen – alles online über das System. Teilweise auch Hausaufgabenabgabe bzw. Online-Prüfungen. Vom Prinzip also total genial – in der Praxis hat es einen Haken: Hat irgendwer verpennt irgendwo was einzutragen bricht alles zusammen. Will man ein Modul hinzufügen und es steht nicht in der Liste oder ein Dozent hat verpeilt den Raum für die Vorlesung anzugeben – großen Gerenne von einem Office zum nächsten, Schlange stehen, freundliche Antwort bekommen die aber nicht weiterhilft, nächstes Office…. Das Ganze ist glaub ich auch ein ganz großes singapurianisches Hobby, aber dazu wann anders mehr wenn ich von der Uni erzähle. Aber vom Prinzip her, wie gesagt, perfekt. Nix da in die Uni fahren um zu gucken ob irgendwo Notenlisten mit Matrikelnummern aushängen…


Manchmal treiben diese total ausgefeilten System jedoch schon seltsame Blüten. So habe ich z.B. meine letzten Hausaufgaben per sms von meinem Dozenten gekommen. Da war ich erst mal sehr verwirrt – woher hat der meine Nummer??? Aber Singapurianer haben noch ein weiteres ganz großes Hobby: Daten sammeln. Insbesondere Zahlen. Telefonnummern, Adressen, Next-of-kin-information, Geburtsdatum, Matrikelnummer, Ausweißnummer, sämtlichen anderen Zahlen die irgendwo auf dem Ausweis stehen, Emailadressen und Blutgruppe gehören noch zu den harmlosesten Sachen. Manchmal frage ich mich, was die mit den ganzen Daten anstellen, aber wenn ich dann eine sms von meinem Dozenten bekommen ist das natürlich schon ein Hinweis. Das tolle IVLE – System kann also auch sms verschicken.
Wie ganz oben schon mal erwähnt lieben die Singapurianer Sauberkeit und Sicherheit. Außerdem wird hier sehr viel Wert auf Umweltschutz und Naherholungsgebiete gelegt. Das ist natürlicherweise in einem Stadtstaat etwas schwierig und Singapur hat einige interessante, sehr verschiedene Lösungsansätze dafür gefunden:



Sentosa ist kleine Insel vor der Südküste Singapurs mit traumhaften Sandstrand und Kokosnusspalmen. Es gibt bloß einen kleinen Haken: Die komplette Südküste Singapurs ist ein gigantischer Umschlaghafen. Achja, und der Sand von dem traumhaften Sandstrand ist von Malaysien importiert. Passt irgendwie alles nicht ganz zusammen? Typisch Singapur. Sentosa ist defacto komplett künstlich angelegt worden. Zwar existierte an der Stelle schon irgendwie von Natur aus eine Insel aber die wurde vergrößert und komplett modelliert und umgebaut.



Das Ganze ist ein riesiger Erlebnispark, der aber ziemlich verzweifelt versucht natürlich zu wirken. Zum Beispiel findet man doch auf Gebirgswegen oft quergelegte Baumstämme die in steilem Gelände Treppenstufen bilden. Auf Sentosa gibt’s was ähnliches – aber die „Baumstämme“ sind aus Beton gegossen. Aber eben so modelliert dass sie aussehen wie Baumstämme, mit Astlöchern und allem. Willkommen auf dem Naturlehrpfad in Sentosa. Aber der Strand ist trotzdem super, auch wenn er aus Malaysien kommt und das Wasser ist wunderschön warm. Einige Meter vor der Küste Sentosas liegen noch einige kleinere Inseln – als Wellenbrecher, als Sichtschutz damit man die großen Tanker nicht so sehr sieht und damit man unauffällig eine Ölbarriere dazwischen spannen kann…



Viel besser gefallen hat mir Bukit Timah Nature Reserve / MacRitchie Reservoir. Das ganze ist eine riesige Seenlandschaft umgeben vom primären und sekundärem Regenwald – mitten in der Stadt. Neben diesem Bild stammt übrigens auch das Bild ganz am Anfang von diesem Blogeintrag von dort.



Die Seen dienen als Trinkwasservorrat für Singapur und daher ist die Wasserqualität hervorragend und es wird viel Wert auf Umweltschutz gelegt. Auf Stegen (um das Ökosystem nicht zu stören) kann man direkt am Ufer entlang laufen und dabei Schildkröten, Vögel, Eidechsen, Affen und natürlich jede Menge grün bewundern.



Direkt in der Nähe liegen auch „Singapore Zoo“ und „Night Safari“. Aufgrund eines „Zahle 2 und Kriege 3“ – Angebotes habe ich inzwischen schon alle beide und auch den „Bird Park“ gesehen. Zoo und Bird Park sind denke ich selbsterklärend, Night Safari ist im Wesentlichen ein Nachtzoo.



Das Besondere daran für mich waren weniger die Tiere selber (obwohl es schon ganz schön war, nachtaktive Tiere mal aktiv zu erleben) sondern eher das Wandern von einem Gehege zum nächsten, nachts durch tropische Vegetation. Alle drei sind wunderschön angelegt (natürlich, wir sind ja in Singapur), wobei ich fast das Gefühl hatte das mehr Wert auf den optischen Eindruck als auf artgerechte Tierhaltung gelegt wurde. Dieser pädagogische Makel wird dafür in den „Shows“ ausgeglichen.




Diese finden mehrmals am Tag statt, Eintritt frei und sind eigentlich wirklich gut. Man sieht die Tiere sehr nah beeindruckende Kunststücke vorführen und kriegt ein bisschen was über "tribal culture" mit. Dafür muss man sich durch die ganze Show hinweg ständig „Don’t litter“, „protect their environment“, etc. anhören. Aber das ist nicht unüblich für Singapur, wo der Premierminister in seiner National-Day-Ansprache die Bevölkerung dazu auffordert ihr Tablett nach dem Essen wegzuräumen, und wo man in der U-Bahn alle paar Minuten dazu aufgefordert wird auf „suspecious looking persons or articles“ zu achten. Ein sehr interessantes, lustiges Völkchen eben .

Keine Kommentare: