Freitag, 21. November 2008

Manila & Taal Volcano, Philippinen



Jeepneys statt Opolets, amerikanische Steckdosen die meinen Asien-adapter nutzlos machen, Rechtsverkehr, kurze Hosen und T-shirts statt Kopftuch, katholische Kirchen statt Moscheen – gerade als ich dachte ich hätte ein bisschen herausgefunden wie Südostasien funktioniert besuche ich die Philippinen, und alles ist doch wieder anders.



Die Kurzform der Geschichte der Philippinen ist eine lange Liste an Besatzungsmächten – und ein langer, langer Kampf der Filipinos für Unabhängigkeit. Die ersten Kolonialherren (1565) waren die Spanier, die vor allem an den Rohstoffen des Landes interessiert waren. Zwar steht an einigen (von Spanien gestifteten) Gedenkstätten zu lesen, dass die Spanier den Filipinos Zivilisation, Infrastruktur und Bildung gebracht hätten – jedoch war die Infrastruktur lediglich dazu da die Rohstoffe möglichst schnell aus dem Land herauszubringen und Schulbildung war nur für Spanier und einer sehr kleinen philippinischen Elite zugänglich. Sicherlich richtig ist jedoch, das die Spanier den katholischen Glauben in die Philippinen brachten. Zwischenzeitlich übernahmen die Briten die Macht auf den Philippinen, wurden aber nach zwei Jahren wieder von den Spaniern verdrängt. Auch die Holländer versuchten während dieser Zeit ihr Glück, allerdings weniger erfolgreich.



Nicht sehr glücklich mit den spanischen Kolonialherren, gab es von Seiten der Filipinos immer wieder Unabhängigkeitsbestrebungen und Rebellionen. Die große Chance kam (um 1890) als sich Amerika und Spanien wegen Kuba im Krieg befanden – die Gelegenheit nutzend die Spanier zu schwächen, unterstützten die Amerikaner auf Bitten der Filipinos die schon recht fortgeschrittenen philippinischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Im Rahmen der Philippinischen Revolution kontrollierten die Filipinos bereits große Teile des Landes und mit Hilfe der Amerikaner gelang es den Filipinos die Spanier in der Bucht von Manila zu schlagen. Noch während der letzten Schlacht schöpfte der philippinische General Misstrauen in den Motiven der Amerikaner und deklarierte die Unabhängigkeit der Philippinen, doch da war es schon zu spät – in einem Treffen bei dem kein philippinischer Vertreter anwesend sein durfte kapitulierten die Spanier gegenüber den Amerikanern (nicht den Filipinos) und die spanischen Fahnen wurden durch amerikanische ersetzt als die Philippinen amerikanische Kolonie wurden. Im Filipino-American War kämpften die philippinischen Unabhängigkeitskämpfer weiter, nun gegen neue Herren. Trotzdem waren den Filipinos die neuen Herren lieber als die Spanier, die Amerikaner bauten tatsächlich die Infrastruktur aus und machten Schulbildung breiteren Schichten der Bevölkerung zugänglich. Das heute fast jeder Filipino zumindest halbwegs passables Englisch spricht ist sicherlich auf diese Zeit zurückzuführen. Gerade als philippinische Unabhängigkeitsverhandlungen mit den USA endlich wieder die Hoffnung der Filipinos auf Unabhängigkeit weckten, begann der 2. Weltkrieg und die Japaner landeten auf den Philippinen. Sowie ein Großteil der asiatischen Länder wie Dominosteine fiel, fiel auch der Großteil der Philippinen recht schnell – natürlich wie auch schon in den Kämpfen zuvor waren es die Filipinos die mit Abstand die größten Verluste zu betrauern hatten. Aber so ganz wie geplant lief die Eroberung der Philippinen nicht für die Japaner. Auf Corrigidor, einer kleinen Insel in Manila Bay, die strategisch an der sehr schmalen Mündung dieser Bucht positioniert ist, leisteten Amerikaner und Filipinos unter General Douglas MacArthur noch monatelang Widerstand.



Viele Analysten heute sagen dass der zähe und für beide Seiten teure Kampf um diesen Felsen vermutlich Australien und Neuseeland vor einer japanischen Invasion bewahrt hat. Die Rückeroberung des asiatischen Raumes durch die allierten Truppen begann in den Philippinen – die Verluste in der philippinschen Bevölkerung lagen bei gut 10%. Die Philippinen standen mal wieder unter amerikanischer Besatzungsmacht. 1946 wurden die Philippinen ofiziell unabhängig, jedoch zeigten die Amerikaner noch jahrzehntelang Militärpräsenz.

Corregidor, diese kleine Insel am Eingang der Bucht von Manila die zu kontrollieren unumgänglich ist wenn man den Wasserweg zur Metropole Manila nutzen will und die eine nicht unwesentliche Rolle im zweiten Weltkrieg gespielt hat, war auch der Ort wo ich den Großteil dieses Geschichtswissens herhabe. Eine gute Bootsstunde von Manila entfernt liegt diese heute unbewohnte Insel auf der zahlreiche Gedenkstätten und die Reste der Befestigungsanlagen an die Rolle dieses „Felsens“ im 2. Weltkrieg erinnern.



Neben zahlreichen Kanonen und Soldatenbaracken ist vor allem der „Manila Tunnel“ beeindruckend, eine große unterirdische Anlage die als Schutz vor Bombenangriffen, als Munitionslager, Krankenhaus und Kommandozentrale fungierte. Große Teile davon sind eingestürzt, teilweise schon während des Krieges, teilweise erst in jüngerer Zeit. So vermutet man z.B. noch die Gebeine von hunderten japanischen Soldaten in den Trümmern, die Teile des Tunnels in die Luft jagten als amerikanische Fallschirmspringer im Zuge der Rückeroberung gegen Ende des 2. Weltkrieges auf der Insel über der Tunnelanlage landeten. Am Meeresboden um Corregidor herum dagegen vermuted man tausende von Pesos-Münzen, die bei einer Evakuation der Insel zurückgelassen werden mussten (ich glaube es waren die kapitulierenden Spanier die diese Münzen versenkten). Im Rahmen einer geführten Tour (mit lauter amerikanischen Touris…) gab es Mittags ein tolles Mittagessen – eine interessante Mischung aus local Seafood mit amerikanischer Barbecue Sauce. Und frischen Salat!



Metro Manila selber ist eine interessante Stadt, aber nicht gerade das was ich eine schöne Stadt nennen würde. Wenn der Begriff „Stadt“ überhaupt zutreffend ist für dieses riesige Gebilde mit gut über 11 Mio Einwohnern. Auf mich machte Manila den Eindruck einer Konsumgesellschaft nach amerikanischen Vorbild – jedoch ohne das nötige Geld. Schon die Fahrt vom Flughafen in die Stadt (die etwa 4 Stunden dauerte weil der Bus sich etwa 3 Stunden langen durch das Verkehrschaos von Manila kämpfen musste) lieferte erste Eindrücke. Müllhalden in den Außenbezirken der Stadt, auf denen Kinder und ältere Leute nach verwertbaren Gegenständen suchten, direkt darüber eine etwa 15 x 20 Meter große Werbetafel für das neueste Kosmetikprodukt. Die Hütten aus Pappe und Wellblech gegen die Träger dieser Werbetafel gebaut und nur erleuchtet durch das ein oder andere Müllfeuer, die Werbetafel selber dagegen strahlt hell im Scheinwerferlicht. Ja, die Slums von Manila sind bestimmt kein Ort an dem man sich nach Anbruch der Dunkelheit aufhalten sollte und bei Tageslicht eigentlich auch nicht. Im Zentrum von Manila dagegen Wolkenkratzer und sehr gepflegte Parkanlagen. Vor jedem Hotel, jedem Hostel, jedem Parkeingang , jedem Einkaufszentrum – eigentlich überall stehen schwer bewaffnete Wachleute. Und nur eine Straßenecke weiter ist dann wieder die bitter Armut überall sichtbar. Und die Straßenkinder. Überall Straßenkinder. Es müssen tausende, hundertausende sein wenn nicht mehr. Teilweise versuchen sie sich ihr Brot zu verdienen indem Taxis aus dem Verkehrschaos herauswinken und dafür von den Passagieren / Taxifahrern ein kleines Trinkgeld bekommen, teilweise verkaufen sie Wasser und Süßigkeiten an Autofahrer in den hoffnungslos verstopften Straßen – doch der allergrößte Teil scheint sich durch Betteln am Leben zu halten. In manchen Straßen sind die Bürgersteige gesäumt von bettelnden Kindern und Müttern mit Säuglingen. Nach Anbruch der Dunkelheit schlafend auf Pappkartons. Entlang der Manila Bucht führt eine sehr gepflegte breite Strandpromenande, sauber, schön gepflastert, Palmen gepflanzt, alles was dazugehört. Unterhalb, direkt am Strand, wo der Müll von Manila den Sand der Bucht verschwinden lässt und die Brandung die unzähligen Plastiktüten, Dosen, Flaschen, Verpackungen, etc. nach und nach ins offene Meer hinausträgt findet man in der Früh zahlreiche Straßenkinder, die sich hier waschen. Und spielen, lachend und tobend über den „Strand“ laufen als wäre der ganze Müll nicht da, als wären sie im Urlaub und würden die Zeit genießen bevor die Mutter zum Mittagessen ruft….

Ein großes Problem der Philippinen ist eine unglaublich korrupte Regierung, die es fast unmöglich macht das finanzielle Hilfe von außen direkt bei diesen Kindern ankommt. Aber ihnen ein paar Pesos in die Hand zu drücken, löst auch keine Probleme. Habe mir stattdessen fest vorgenommen eine Organisation ausfindig zu machen, die sich so anhört als würde sie vernünftige, nachhaltige Projekte für Straßenkinder dort durchführen und was spenden. Also wenn wer da was tolles weiß, bin für Vorschläge offen.

Aber Manila hat auch seine Glanzseiten. Von den historischen Gebäuden gibt es nicht viele die die Eroberung durch die Japaner und die Rückeroberung durch die Allierten überlebt haben, aber das Fort, gebaut an einer Flussmündung ist recht beeidruckend (gleichzeitig Gedenkstätte für José Rizal, ein philippinischer Schriftsteller (und Physiker übrigens) und Nationalheld, der von den Spaniern hingerichtet wurde) und auch ein paar Kirchen haben überlebt. Folgende Tafel am Portal eine dieser Kirchen ist treffendes Beispiel für die Entschlossenheit der Filipinos:



Besonders gut haben mir in Manila auch die Jeepneys gefallen. Die Originale waren ursprünglich Fahrzeuge der US – Armee die nach Abzug der Truppen im Lande blieben und die zu öffentlichen Verkehrsmittel umfunktioniert wurden. Sie fahren die großen Straßen ab, auf der Seite des Jeepneys steht die Route geschrieben. Aufgrund des Verkehrschaoses fahren sie nie sonderlich schnell sodass man einfach kurz winken und hinten aufspringen kann. Drinnen sind 2 Holzbänke, man sitzt quer zu Fahrtrichtung. Oder wenn’s voll ist hängt man irgendwie außendran oder steht auf dem Trittbrett. Man drückt dem Fahrer ein paar Pesos in die Hand und wenn man glaubt das man da ist wo man hinwollte, springt man wieder ab. Inzwischen werden auch Nachbauten dieser originalen Jeepneys im Lande produziert, hauptsächlich möglichst originalgetreue Alu-Karosserien und dann möglichst bunt bemalt und mit Aufklebern zugekleistert.


Ach ja, noch ein kleine Geschichte aus Manila. Auf dem Weg ins historische spanische Viertel fiel mir auf der einen Seite des Weges ein ganz toller Baum auf - eigentlich hatte er keinen Stamm aber stattdessen ein meterhohes Wurzelwerk. Eben die Sorte Baum die sich gut als Fotomotiv eignet. Naja, das endete damit dass ich von amerikanischen und philippinischen Soldaten abgeführt wurde, weil sich nämlich auf der anderen Seite des Weges (also nicht mal in der Richtung in die ich fotographiert habe)die amerikansiche Botschaft befand. Ich musste dann mit in das nächste Wachhäuschen und es hat eine ganze Weile gedauert bis die davon überzeugt waren dass ich nicht sonst was vorhatte und mich wieder haben gehen lassen. Die Bilder musste ich natürlich löschen, deswegen kann ich kann ich gar nicht zeigen wie toll der Baum eigentlich war...


Eine ganz andere Seite der Philippinen zeigt sich sobald man Manila verlässt. Etwa zwei Busstunden südlich von Manila liegt Tagaytay, ein kleines Städtchen von dem aus man eine gigantische Aussicht auf Lake Taal (ziemlich genau halb so groß wie der Bodensee) und dessen Vulcano Island hat.



Lake Taal selber ist eigentlich auch schon ein Kratersee, der auf einen gigantischen Vulkanausbruch vor 500 000 bis 100 000 Jahren hinweist. Im 16. Jhd wurde durch eine weitere Eruption ein Teil der Bucht von Balayan vom offenen Meer abgetrennt und formte so den heutigen Süßwassersee Taal Lake. Auf Vulcano Island befinden sich heute noch aktive Vulkane (große Ausbrüche 1911 und 1965, 33 Ausbrüche seit 1572, letzter Ausbruch 1977, seit 1991 wieder Anzeichen erhöhter seismischer Aktivität). Tagaytay war unser Startpunkt für einen Ausflug zu eben jener Insel. Nach kurzer Fahrt in einem Minibus, der die scharfen Kurve der steilen Straße zum See hinab mit dem üblichen rasantem Tempo nahm, und einem kurzen Bootstrip in einem kleinen Kahn über den See, vorbei an zahlreichen schwimmenden Holzkonstruktionen (Fish Farms) erreichten wir die Insel.






Lynn, der es gesund heitlich nicht ganz so gut ging und die mit Birkenstock-Schlappen und Handtasche auch irgendwie nicht so recht für eine Wanderung auf den Vulkan ausgerichtet war, bekam dort ein Pferd + Führer und dann konnte es los gehen. Insgesamt hatten wir also drei Filipinos dabei, der eigentliche guide, der Bootsmann und der Junge aus dem „Dorf“ (vielleicht 3 Hütten) am Fuße des Vulkans der das Pferd führte. Allein hätten wir auch den Weg nie gefunden, denn dieser war in keinster Weise markiert und schien auch nicht viel begangen zu werden, der Junge aus dem Dorf musste immer wieder mit seiner Machete das ganze Grünzeug soweit wegschlagen das wir überhaupt durchkonnten. Und die Filipinos konnten uns auch jede Menge interessante Sachen zeigen, so konnten wir unterwegs Papaya - früchte und Kokosnüsse von den Bäumen holen. Letzeres war schon etwas abenteuerlich, Kokosnüsse wachsen eben doch recht weit oben. Einer der Filipinos kletterte auf einen benachbarten Baumwipfel und stieß von dort aus mit einem langen, vorne gespaltenen Ast in die Krone der Kokosnusspalme um so die Früchte herunter zu holen, um sie hinterher mit seiner Machete zu öffnen. Hmmmm…..



Die Insel ist zwar an sich nicht sehr groß, besteht aber gleich aus mehreren Gipfeln und Kratern vulkanischen Ursprungs die mehr oder weniger aktiv sind. Der Krater, den wir uns ausgesucht hatten, gehört zu einem noch aktiven Vulkan und hat einen großen Kratersee. Das Wasser ist durch die thermischen Aktivität dort sehr warm und etwas schwefelhaltig und, was mich überrascht hat, es war Salzwasser. Einer der Filipinos erzählte uns dass das Salz aus dem Bodengestein unter der Wasseroberfläche stammt und dass man an der gegenüberliegenden Seite des Sees Süßwasser und noch deutlich wärmere Temperaturen vorfinden würde. Der See hat einen Durchmesser von ca. 2 km, zu groß um mal schnell an die andere Seite schwimmen zu können deswegen konnten wir das leider nicht überprüfen.



Aber eine Bucht weiter bin ich doch geschwommen – und konnte dort nicht an Land gehen weil der Boden viel zu heiß war um barfuß darauf stehen zu können. Nur einige cm vom Wasser entfernt war eine Vertiefung im Felsen, in der man das Wasser kochen sehen konnte. Ein kurzes Testen der Temperatur mit dem kleinem Finger bestätigte sehr eindeutig, das dies keine optische Täuschung war. Das Wasser dort in der Nähe des Ufers war auch weit über Badewannentemperatur. In dem See war auch eine kleine Insel, jedoch scheiterte der Versuch hinzuschwimmen an der recht starken Strömung, die vermutlich durch die Temperaturunterschiede zustande kommt. Aber eigentlich schon lustig: Eine Insel in einem Salzwassersee auf einer Insel in einem Süßwassersee auf einer Insel im Meer . Oh, Wikipedia sagt übrigens die weltgrößte Insel in einem See auf einer Insel auf einem See auf einer Insel. Sie hat auch einen Namen: Vulcan Point und ist selber natürlich auch wieder vulkanischen Ursprungs. Am gegenüberliegenden Ufer konnte man auch deutlich den Dampf heißer Quellen aufsteigen sehen. Wir hatten an dem Nachmittag den kompletten See ganz für uns alleine, was schon irgendwie beeindruckend war. Und die ganze Landschaft, der Krater, der See, die Insel, der Dschungel – gigantisch. Und das nur zwei Stunden von Manila entfernt.







Bis auf einige Reibereien in unserer kleinen Reisegruppe (ich sag nur Birkenstocksandalen und Handtasche um einen Vulkan zu besteigen – und das war noch das harmloseste…) also wirklich tolle, und vor allem sehr lehrreiche vier Tage auf den Philippinen. Jetzt noch zwei Wochen Projektarbeit und Prüfungen schreiben in S’pore – and dann geht’s los quer durch Südostasien mit Sebastian . Werde aber versuchen mich hier hin und wieder zu melden.

Donnerstag, 13. November 2008

Singapore – a fine city

Singapur. Eine saubere Stadt. Eine sichere Stadt. Ein junger Stadtstaat mit einer gigantischen Erfolgsstory. Eine internationale Stadt. Der größte Umschlagshafen der Welt. Eine Stadt mit vier Amtssprachen und Einwohner die aus allen Ländern der Welt stammen. Eine Stadt die vor 150 Jahren noch ein Fischerdorf war. Eine Stadt mit drakonischen Strafen für das Importieren von Kaugummi und für das Trinken und Essen in der U-Bahn oder am Bahnhof. Eine Stadt voller Sicherheitsfanatiker. Ein Staat mit Ein-Parteien-System und eine Regierung die die Bevölkerung in jeder Hinsicht bevormundet. Eine Stadt die mit öffentlichen Mitteln Dating-Agenturen für Akademiker fördert. Eine Insel die in den letzten 50 Jahren ihrer Fläche durch Landgewinnungsmaßnahmen um etwa ein Viertel vergrößert hat. Eine Großstadt mit primärem Regenwald im Stadtzentrum. Eine Stadt in der zu Wahlzeiten die Oppositionsveranstaltungen Massen von Anhängern anziehen – welche danach nach Hause gehen und die Regierungspartei wählen. Eine Stadt mit gigantischen Wolkenkratzern im Financial District die wie überdimensionale Pilze zwischen den Essensbuden hervorschießen die bei zweifelhaften Hygienebedingungen tolles billiges Essen zaubern. Eine Stadt in der man für ein Essen alles von 2 S$ bis 500 S$ ausgeben kann. Eine Stadt mit einem Nahverkehrssystem für das es keine Fahrpläne (nur Liniennetze) gibt aber das dem Münchner System um 20 Jahre voraus ist. Eine Stadt in der die (einzige) Zeitung voll von der Regierung kontrolliert wird.


Das alles und noch viel mehr ist Singapur, und alles scheint sich zu widersprechen und passt doch so hervorragend zusammen um das Bild von genau dieser Stadt zu zeichnen. „Uniquely Singapore“ lautet der Wahlspruch der Tourismboards hier und der ist noch sehr viel wahrer als sie das gerne zugeben. Auf den ersten Blick ist Singapur vor allem das was sie auch gezielt nach außen tragen wollen – sauber, sicher und modern. Vor allem im Vergleich mit anderen asiatischen Großstädten. Auf den zweiten Blick findet man einige Verrücktheiten, wo man sich als Außenstehender erst mal an den Kopf greift und dann dem Beispiel der Locals folgt und Witze darüber macht. Die Verrücktheiten und abstrusen Auswüchse irgendeiner Sicherheitsparanoia sind in der Regel mehr oder weniger direkt auf irgendeine Aktion der Regierung zurückzuführen, und dann fragt man sich warum die immer mit 2/3 – Mehrheit wiedergewählt werden bei solchen seltsamen Aktionen und bei der recht offensichtlichen Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Die Antwort auf diese Frage ist nicht, das die Singapurianer nicht gerne etwas mehr Freiheit in vielen Dingen hätten, sondern vielmehr dass sie die (vor allem wirtschaftliche) Stabilität schätzen die dieses System mit sich bringt und dass sie die im Untergrund schwelenden Probleme durchaus sehen und befürchten, dass diese in einem weniger autoritärem System außer Kontrolle geraten könnten. Hinzu kommt natürlich das man als Oppositionspolitiker hier nicht gerade das leichteste Leben führt...

Als eine wirtschaftlich sehr erfolgreiche Großstadt mit allem was dazu gehört kann sich Singapur vom Lebensstandard her inzwischen durchaus mit „westlichen“ Großstädten messen – und ist bzw. wird in Zukunft daher auch mit den gleichen Problemen konfrontiert sein. Da dieser Entwicklungssprung hier aber erst in den letzten 40 Jahren statt gefunden hat, konnte man viele Probleme sehr einfach dadurch voraussehen, dass man einfach mal einen Blick auf europäische und amerikanische Großstädte wirft. Und mit einer Regierung die weiß das sie noch sehr lange an der Macht sein wird und daher mit 40 – Jahresplänen arbeitet lassen sich diese Probleme dann angehen bevor sie eigentlich auftreten. Eine typische Sache die z.B. Kuala Lumpur überhaupt nicht in den Griff kriegt ist die Überlastung des Verkehrssystems durch privat PKW durch die enorme Einwohnerdichte. Singapur hat das Problem dadurch „gelöst“ das ein Auto hier gut doppelt so viel kostet wie in Europa (Steuern) plus weitere enorme Unterhaltssteuern. Um ein Auto kaufen zu dürfen, muss man z.B. erst ein certificate of entitlement (COE) erwerben. Diese kann man ausschließlich in einem Versteigerungsprozess erwerben. Alle kaufwilligen nehmen an dieser Versteigerung teil und nennen einen Preis den sie bereit wären zu zahlen. Am Monatsende wird eine bestimmte Anzahl (im Falle von Taxis und Autos unter 1600 cc z.B. 1581 Stück) an die in diesem Falle 1581 meistbietenden vergeben - zum Preis den der 1581-ste angegeben hat. Der Preis für ein COE unterliegt daher wahnsinnigen Schwankungen. Im oben genannten Beispiel lag der Preis bei 10.455 S$ im letzen Monat (niedrig aber noch im Rahmen) und ist diesen Monat auf nur 2 S$ abgestürzt! Vermutlich aufgrund der drohenden Finanz-/Wirtschaftkrise gab es nur 1582 Bieter..
Das so eingenommen Geld wird ins öffentliche Verkehrssystem gesteckt. Im Prinzip also durchaus zielführend und erfolgreich – aber versuch das mal in einer „echten“ Demokratie. Da sieht’s dann aber schlecht aus mit Wiederwahl – unsere Ökosteuer ist absolut nichts gegen das was die hier zahlen.
Ein anderes typisches Problem in „Erste-Welt-Ländern“ ist die Überalterung der Bevölkerung. Um den entgegenzuwirken hat die Regierung in den 70igern / 80igern (!) eine Initiative gestartet die bis heute läuft. Die Sozial Development Unit (SDU) war dafür verantwortlich die Bevölkerung dazu anzuhalten auch weiter brav genug Kinder zu bekommen. Ein besonders großes Problem sah man damals darin, dass Frauen die Zugang zu höherer Bildung (z.B. Studium) bekamen, danach zu einem sehr großen Teil unverheiratet blieben, weil es undenkbar war für einen Mann im traditionellen Wertesystem war eine Frau mit höherem Bildungsstand zu heiraten. Also begann die SDU gezielt Beziehungen zwischen Akademikern zu fördern. Und das tut sie (unter einem anderen Namen) immer noch. Erst vor kurzen wurden die entsprechenden Dating Agenturen „outgesourced“, d.h. sind nicht mehr direkt in staatlicher Hand aber doch mit öffentlichen Geldern bezahlt. Erst neulich habe ich über meinen Uni-account eine email bekommen: Als Abgänger der Uni hätte ich einen Anspruch auf kostenlose Mitgliedschaft in einer dieser Dating Agenturen…. Und sowohl damals wie heute finden nicht nur Ausländer sondern auch Locals die ganze Geschichte äußerst amüsant. SDU wird im Volksmund interpretiert als „Single Desperate Unwanted“ ;-). Aber die Regierung hat irgendwelche Studien die belegen dass die Aktion erfolgreich ist – und deswegen wird sie bis heute weitergeführt. Trotz aller Witze von Seiten der Bevölkerung.



Ein weiteres Problem, mit dem Singapur als Stadtstaat zu kämpfen hat ist die absolute Abhängigkeit von anderen Ländern die man gerne reduzieren möchte. Singapur ist auf durchgehende Wasserlieferungen von Malaysia angewiesen – woher soll man auch als kleine Insel das Wasser für 4 Mio Leute nehmen? Es gibt in der Mitte der Insel ein recht großes Gebiet (gemessen an der Größe der Insel) mit primärem Regenwald und einer Seen-Landschaft die als Wasserreservoir dient. Es ist vielleicht etwas verrückt mitten in einer Millionen-Stadt ein Wasserreservoir anzulegen und bei hochschießenen Landpreisen darauf zu bestehen das der Regenwald als Barriere zwischen dem Dreck der Großstadt und dem Trinkwasser im See stehen bleibt – aber wenn die Regierung das sagt dann wird das auch gemacht. Dann hat man (ich glaub ich den 80gern) auf die Landkarte geschaut und den Singapore River gesehen der in die Marina Bay mündet – schön noch mehr Wasser. Nun kann man sich ja vielleicht vorstellen wie in einer Stadt deren Industrie in der Zeit einen Start von 0 auf 100 hingelegt hat ein Fluss aussieht der da mitten durch fließt. Eine einzige Drecksbrühe. Als die Regierung sagte wie will den Singapore River (Drecksbrühe) und die Marina Bay (Drecksbrühe + Salzwasser) in ein Trinkwasserreservoir umwandeln wurde sie natürlich für verrückt erklärt. Aber wenn die Regierung sagt, sie macht alle „dreckigen“ Firmen und Industrieanlagen in der Nähe des Flusses dicht, investiert Unsummen an Geld in die Reinigung und baut einen gigantischen Damm der Marina Bay vom offenen Meer trennt und irgendeine spezielle Süß/Salzwassertrenntechnik verwendet, dann tut sie das auch. Heute ist der Singapore River sauber und erst vor ein paar Tagen wurde der Damm eröffnet (oder geschlossen, je nachdem wie man‘s betrachtet). In etwa 2 bis 3 Jahren soll die gesamte Bucht mit Süßwasser gefüllt sein!
Somit ist das Ziel nicht mehr auf Wasserimporte von Malaysien angewiesen zu sein, in greifbare Nähe gerückt. Der zweite wichtige Rohstoff ist Öl. Singapur selber hat keine natürlichen Ölvorkommen, daran kann auch die Regierung nichts ändern. Aber man kann ja einen Vorrat anlegen. Bloß wo? Die Insel ist ja schon zugebaut bis auf den Regenwald den man nicht anfassen will. Es wurden (und werden immer noch) 200 Meter unter der Stadt riesige Vorratshallen angelegt um genau solche Sachen lagern zu können. Teilweise wird im Rahmen von Landgewinnungsmaßnahmen Neuland aufgeschüttet und dann unter diesem Neuland gleich ein unterirdisches System angelegt. Verrückt, aber beeindruckend.

Man sieht also an diesen Beispielen, dass die Regierung die Sachen schon in einer Art und Weise anpackt die letzten Endes oft zielführend ist, und das das aber nur funktioniert, weil sie tatsächlich Pläne machen kann die über eine Legislaturperiode von vier Jahren hinausgehen. Und das vieles auch nur möglich war (z.B. das dicht machen von den Firmen, die den Singapore River potentiell verschmutzen könnten) weil die Singapurianer als Bürger weniger Rechte besitzen wir das aus europäischen System gewohnt sind. Kurz, weil es eben ein sehr autoritäres System ist das in der Lage ist, auch erst mal unliebsame Entscheidungen durchzusetzen. Das das natürlich dann auch mal Blüten treibt die wirklich eher weniger sinnvoll sind, ist eigentlich nicht so verwunderlich. Wer die Macht hat jeden Mist durchzusetzen der setzt auch manchmal einfach Mist durch. Aber man muss fairerweise auch sagen dass die Regierung auch durchaus ein offenes Ohr dafür hat wenn die Bevölkerung sich arg beschwert und dann auch durchaus mal was zurücknimmt. Oder umbenennt, wie im Falle der SDU.



Ein autoritäres System beinhaltet immer eine mehr oder weniger starke Bevormundung der Bevölkerung und in Singapur ist glaube ich diese kollektive Sicherheitsparanoia eine der Auswirkungen dieser Bevormundung. Meine Waschmaschine wäscht nur mit kaltem Wasser, weil man könnte es ja sonst schaffen die Maschine bei laufendem Betrieb zu öffnen und wenn man ganz schnell ist könnte man es dann schaffen sich zu verbrennen bevor das Wasser ganz abgelaufen ist! Also bleibt lieber die Wäsche dreckig, das ist sicherer.
Überhaupt wenn man wahllos durch die Stadt läuft und den Blick über Plakate und Schilder schweifen lässt – jedes zweite Wort ist SAFETY. Und es werden alle möglichen (und unmöglichen) Verbotsschilder überall hingepflastert damit auch ja nicht auf die Idee kommt irgendetwas zu tun womit man sich potentiell weh tun könnte. Und wenn es sich ausnahmsweise mal gerade nicht um ein Verbotsschild handelt, dann handelt es sich um ein Schild dass einen auffordert, sich die Hände nach dem Benutzen der Toilette zu waschen, die Spülung zu betätigen, das Tablett wegzuräumen oder sonst irgendwas von dem man meinen sollte, dass es doch eh alle tun sollten ohne dazu ständig aufgefordert werden zu müssen. Meistens sind diese Aufforderungen dann auch noch mit irgendwelchen lustigen Comicbildern illustriert.





Der Staat versucht hier also auf jegliche erdenkliche Art und Weise in das Alltagsleben der Menschen einzugreifen, um auf diese Art und Weise die Menschen in einer Art und Weise zu formen um so gewissse Probleme von vornherein zu umschiffen oder nachträglich zu „lösen“. Und die oben genannten Problemchen sind bei weitem nicht die einzigen Kandidaten. Denn obwohl die Menschen hier unten super freundlich und hilfsbereit sind, fehlt das Verständnis für Umweltschutz und für „Orte so verlassen wie man sie vorgefunden hat“. Singapur ist eine saubere Stadt - aber hauptsächlich weil es eine ganze Arme an Putzleuten gibt (meist Gastarbeiter) die hinter den Singapurianern herputzen. Und deswegen ist letzteren völlig das Bewusstsein dafür abhanden gekommen dass man ja mal seinen eigenen Dreck wegräumen könnte.



Ein viel ernsteres Problem ist Rassismus, der immer wieder mal zwischen den Volksgruppen hochkommt. Die enormen Zuwanderungsraten (mittelfristiges Ziel der Stadtplaner ist 6 Mio) bringen natürlich Integrationsprobleme mit sich, vor allem da Singapur als sehr junge Nation sich noch etwas schwer tut eine nationale Identität zu entfalten. Die Regierung ist natürlich bemüht dieses Problem so weit es geht in den Griff zu bekommen (es gibt z.B. Quotenregelungen, wieviel Prozent von welcher Ethnie in welchem Wohnblock wohnen dürfen) aber immer wieder merkt man doch dass es unter der Oberfläche etwas brodelt.
Auch aus diesen Gründen sind die Leute hier noch(!) gewillt die Einschränkungen durch ein autoritäres System in Kauf zu nehmen, auch wenn gegen einzelne Aktionen heftig protestiert wird. Es herrscht die Auffassung dass man sich den „Luxus“ einer Demokratie erst leisten kann, wenn das Land sicher auf dem grünen Zweig ist und alle größeren Anfangsprobleme die einschneidende Maßnahmen erfordern, gelöst sind. Im allgemeinen wird ein langsamer Prozess hin zu mehr persönlicher Freiheit und auch Pressefreiheit gewünscht. Und es tut sich auch immer wieder ein bisschen was in diese Richtung.





Es gibt in Singapur zwar offiziell nur eine Zeitung, die Straight Times, die von der Regierung kontrolliert wird und daher vor allem im innenpolitischen Teil sehr subjektiv ist, aber es gibt ja noch das Internet, z.B. „The online Citizen“. (Und da hat die Regierung die Zensur inzwischen größtenteils aufgegeben.) Viele kritische Themen werden von der ST möglichst lange totgeschwiegen, um der Regierung die Gelegenheit zu geben zu reagieren und eine Lösung zu präsentieren bevor sich alle allzusehr aufregen. So ist es z.B. bei der Finanzkrise gelaufen, als aufkam das einige staatliche Institutionen öffentliche Gelder in einem Lehman Brothers Paket investiert hatten. Solche Themen sind meist schon längst in alle Munde bevor sie dann auch irgendwann mal in der Zeitung stehen. Und auch einige Maßnahmen der Regierung (z.B. diese Dating Geschichte) werden eher schweigsam behandelt. Die Locals hier finden deswegen den Slogan („Uniquely Singapore“) des Tourismboard sehr passend. „Uniquely Singapore – we don’t even know it ourselves!“



Letztendlich – ist Demokratie gut? Ist ein autoritäres System schlecht? So ganz pauschal lässt sich diese Frage glaube ich nicht beantworten. Es kommt durchaus auf die Situation an, in der sich ein Land gerade befindet. Demokratie hat in der westlichen Welt sehr gut funktioniert – aber es ist ein System das dort natürlich wachsen konnte. Der Versuch dieses System zu exportieren und nach Abzug der Kolonialmächte in Südostasien unser Demokratiesystem den neu gebildeten Ländern auf zu oktroyieren ist kläglich gescheitert. Nach Jahrzenten, die von politischen Unruhen geprägt waren, sind Indonesien und Philippinen die nach unseren Maßstäben „demokratischten“ Ländern – und bilden zugleich das Schlusslicht in Südostasien was politische Stabilität, Wirtschaftswachstum, Bildungschancen, Sicherheit, Lebenstandard – kurz was Entwicklung anbelangt. Wie soll auch jemand der nie eine Schulbildung genossen hat vernünftig wählen gehen? Am erfolgsreichsten dagegen ist Singapur, gefolgt vermutlich von Malaysien und Thailand, zwei Königreichen.

Dienstag, 11. November 2008

West Sumatra, Indonesia




„Wild and unpredictable“ – so beschreibt Lonely Planet sehr treffend die zweitgrößte Insel Indonesiens, die sich über 2000 Kilometer quer zum Äquator erstreckt. West Sumatra, eine Provinz mit atemberaubend schöner, größtenteils unberührter und wilder Landschaft, durchsetzt mit leuchtend grünen Reisfeldern und kleinen Dörfern in denen die Minangkabau People in Häusern leben, die an Büffel erinnern sollen - und voller Überraschungen. Gerade eben saß man noch im Flieger aus Singapur, doch plötzlich wandert man mitten in der Nacht mit neuen indonesischen Freunden durch den Dschungel um zum nächsten Dorf zu kommen, hat eine Einladung bei einer indonesischen Familie in einem kleinem Dorf zu übernachten, wandert durch wunderschöne Landschaft um Bonjol, in der heiße Quellen und die noch deutlich zu sehenden Spuren den 2007 – Erdbebens einen ständig daran erinnern, das Sumatra’s Innenleben nie tief schläft, fährt auf einem Motorrad durch die Nacht oder ist auf der Flucht vor aufdringlichen Polizisten in Padang.



Kaum zu glauben was man alles in drei Tagen erleben kann, und das war nur die Kurzfassung. Samstagmorgen landete der Flieger aus Singapur in Padang an der Westküste Sumatras, Provinz West Sumatra, Heimat der Minangkabau. Nach kurzem Zwischenstopp in Padang fuhren Maren (studiert auch an der NUS) und ich weiter nach Bukittinggi, eine Stadt knapp 1000 Meter über dem Meeresspiegel, umgeben von drei mehr oder weniger aktiven Vulkanen. Kaum hatten wir einen Fuß aus dem Bus gesetzt waren wir umgeben von einer Horde Locals, die uns eine Taxifahrt nach sonstwo anbieten wollen, und die unnützlichsten Dinge der Welt verkaufen wollten oder einfach mal Hallo sagen wollten – willkommen in Indonesien. Die Orientierung gestaltete sich zunächst etwas schwierig, zum einen da wir uns über den Straßenlärm und den Rufen der Locals hinweg kaum verständigen konnten und zum anderen weil Straßenschilder so wie wir sie kennen dort unbekannt sind. Wir hatten zwar eine Karte von der Stadt und jede Menge Locals die helfen wollten, die aber wiederum mit dem Konzept „Stadtkarte“ nicht vertraut waren. Englisch ist ebenfalls größtenteils unbekannt aber das alles ist kein wirkliches Problem weil die Leute alles stehen und liegen lassen um einen den Weg zu zeigen – und wenn sie einen dafür eine halbe Stunde begleiten. Im Zweifelsfall ist die Stadt auch noch voll mit „opolets“, kleinen Minibussen in die beliebig viele Leute reinpassen und die mehr oder weniger feste Routen abfahren.




Hat man sich jedoch nach einiger Zeit an das Verkehrschaos, die ständigen „Hello Miss!“, „foto – foto!“, „Where you go?“, „How are you?“ – Rufe gewöhnt (und hat kapiert das solche Rufe nicht bedeuten das jemand auch nur ein Wort mehr Englisch kann) ist Bukittinggi eine wirklich schöne Stadt. Besonders toll war der Markt, auf dem in erster Linie Chili in allen Farben und Formen (frische Schoten, gerieben zu Brei, in Plastikflaschen, getrocknet, Chili-chips,..) und getrocknete Fische in allen Größen angeboten wurden. In den Gassen zwischen den Häusern sind Plastikplanen als Sonnensegel gespannt und darunter (selbst ich musste mich ständig bücken) spielt sich das rege Treiben des Marktes ab. Nachdem eigentlich jeder dritte Stand das gleiche anbietet entscheidet hier nicht wirklich die Qualität des Produktes den Verkaufserfolg sondern die Lautstärke der Rufe des Händlers oder der Marktfrau. Insgesamt ein völlig chaotisches Treiben in dem man sich wirklich Meter für Meter vorwärtskämpfen muss – was aber die Locals nicht daran hindert auch mal mit dem Motorrad durchzufahren.



Auch gab es einige wirklich schöne Stadteile etwas abseits von den Hauptstraßen, tolle Moscheen und herrlichen Blick auf die umliegenden Berge. Wir haben den ganzen Tag über nur einen weiteren „Westerner“ getroffen, entsprechend groß war das Aufsehen das wir erregten und ich hatte wirklich das Gefühl das jeder zweite Mensch in dieser Stadt uns entweder was verkaufen wollte oder sich mit uns unterhalten wollte – oder ein foto oder unsere Handynummern wollte. Sowieso ist diese Stadt absolut foto-verrückt das hab ich ja noch nie erlebt. Normalerweise bin ich ja eher vorsichtig mit Fotos von Einheimischen bei ihrem alltäglichen Leben, egal wie toll das Motiv ist, bin ja nicht im Zoo oder so was. Aber hier, kaum hab ich meine Kamera in der Hand, kommt ein Haufen Kinder auf mich zugestürmt „foto – foto!“ und dann werfen sie sich in Pose. Aber nicht nur Kinder, auch Jugendliche und Händler auf dem Markt. Und hat man dann ein Foto gemacht ist der Damm gebrochen und alle wollen mal drauf und man kann froh sein wenn man weiter kommt und die Speicherkarte noch nicht voll ist ;-).



Bukittinggi ist eine Stadt die selbst für indonesische Verhältnisse etwas unüblich auf Touristen reagiert. Vor ein paar Jahren war es noch eine von Touristen relativ häufig besuchte Stadt bis Schreckensmeldungen aus Sumatra wie Tsunami 2004 und das Erdbeben 2007 ein recht plötzliches Austrocken dieser Einkommensquelle verursachten. Insofern freuen sich die Leute einerseits mal wieder Touristen zu sehen, andererseits steht auch etwas die Frage im Raum „wo seid ihr so lang geblieben etc.?“ und die Leute wissen durchaus das Touristen über deutlich mehr Geld verfügen als der durchschnittliche Indonesier und nur sehr schwer einschätzen können wie viel hier was kosten sollte. Wenn man nicht wirklich aufpasst wird man schon sehr schnell und sehr skrupellos über’s Ohr gehauen.

Am Abend liefen wir noch zum Panorama Park, ein Park am Rande der Stadt von dem aus man einen wunderschönen Blick auf den „Canyon“ hat, eine Schlucht die Bukittinggi vom nächsten Dorf trennt und wo abends richtig viele (und auch richtig große) Fledermäuse unterwegs sind. Dort trafen wir dann Billy (der Name steht tatsächlich in seinem Pass, auch wenn er nicht sehr indonesisch klingt) und Tommy (eigentlich Fatomy), die an sich studieren (bzw. Tommy geht noch zur Schule) aber in ihrer Freizeit sich etwas Geld damit verdienen dass sie Touris durch den Park führen. Nachdem wir uns eine Weile lang unterhalten hatten, boten sie uns an uns zu einem Dorf auf der anderen Seite des Canyons zu bringen, das berühmt ist für seine Silberschmieden. So kamen wir zu unserer Nacht-Dschungelwanderung. Runter in den Canyon war noch relativ harmlos auf einem gutem Weg, durch den Canyon durch bei den Lichtverhältnissen und den fehlenden Planken in der Brücke war interessant und er Aufstieg auf der anderen Seite schon etwas abenteuerlich. Im Dorf angekommen wusste Billy an welche Türen er klopfen musste damit wir, obwohl es schon recht spät war, noch etwas von den berühmten Silberkunstwerken zu sehen bekamen.
Unterwegs erzählten uns die beiden die Legende der Minankabau. Als Java Ansprüche auf West Sumatra stellte, sollte ein Büffelkampf den Streit entscheiden. Java schickte einen riesigen Büffel in die Arena, die Minankabau ein junges Büffelkalb mit angespitzten Hörnern. Das Kalb hielt den großen Büffeln für seine Mutter, lief hin um Milch zu bekommen und schlitzte mit seinen Hörnern dem großen Büffel den Bauch auf, so dass die Minankabau den Kampf gewannen. Klein aber fein, sind also die Minankabau (wörtlich: „Der Büffel gewinnt!“) und sie bauen vorzugsweise Häuser wo beide Giebel extrem nach oben gezogen sind – wie die Hörner eines Büffels.

Zurück wollten wir eigentlich per Bus fahren, aber der opolet-Fahrer, der uns natürlich sofort als Touristen erkannte und zurecht davon ausging das wir natürlich die Fahrt für Billy und Tommy mit bezahlen würden, verlangte einen völlig überteuerten Preis, was sich Billy überhaupt nicht bieten lassen wollte. Also liefen wir zu Fuß zum nächsten Dorf und dann von dort aus per Motorrad zurück nach Bukittinggi. Tja, mit Locals dabei funktioniert das natürlich, die wissen schon an welchen Straßenecken junge Männer mit ihren Motorrädern nur darauf warten sich etwas dazu zu verdienen indem sie ein paar Leute hintendrauf bis zum nächsten Ort mitnehmen. Schutzkleidung ist generell unbekannt und für solche kurzen Strecken auch Helme. Aber im Vergleich zu Deutschland fahren die Mopeds unglaublich langsam und trotz (oder gerade wegen) der fehlenden Verkehrsregeln, des ganzen Gehupes und drunter und drüber auf den Straßen fahren die Leute extrem langsam und rücksichtsvoll. In Bukittinggi gingen wir noch gemeinsam Essen und am Ende des Abends hatten wir eine Einladung, am nächsten Morgen mit zu Billy’s Familie (zwei Stunden Busfahrt) zu fahren, wo er uns einen Wasserfall und heiße Quellen zeigen wollten bevor wir dann die Nacht bei seiner Familie verbringen durften. Also eigentlich genau das was wir wollten, bloß nicht als Touri-Komplett-Paket vom Hotel für Touri-Preis sondern von Locals, die hinterher ein kleines „Trinkgeld“ erwarten.



Da wir den Panorama Park unbedingt nochmal bei Tageslicht sehen wollten, trafen wir uns am nächsten Morgen wieder am Park, der nicht auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen war. Waren wir gestern noch die einzigen Gäste, so war das Aussichtsplateau an diesem Sonntag vollgepackt mit Souvenirläden. Waren am Abend davor noch Fledermäuse (fruit bats) noch die Hauptdarsteller so gehörte die Show am Tag den Affen, die nicht nur in den Bambus-Sträuchern saßen sondern auch direkt auf dem Aussichtsplateau saßen und es ausgezeichnet verstanden sich absolut perfekt vor der Postkarten Landschaft zu positionieren. Ich hatte fast das Gefühl die genossen es fotografiert zu werden - würde mich in dieser foto-verrückten Stadt ja nicht wundern. Bevor wir nach Bonjol aufbrachen zeigten uns Tommy und Billy noch die „japanese caves“ im Parkgelände, ein gigantisches Tunnelsystem das die Japaner mit Hilfe von indonesischen Zwangsarbeitern im zweiten Weltkrieg angelegt haben. Inklusive einer Kammer wo Indonesier, die nicht mehr arbeiten konnten / wollten hingerichtet wurden. Die Leichen wurden dann von dort aus in einen Schacht geschoben, der in einer großen unterirdischen Kammer endet. Und dort liegen sie noch heute und niemand weiß genau wie viele es sind…



Der Bus nach Bonjol war auch ein Erlebnis. Er brauchte etwa eine Stunde um aus dem Busterminal, das gleichzeitig irgendwie Marktplatz war, herauszukommen. Teils wegen der ganzen Busse, Marktstände und Tricycle- Fahrer, teils weil ständig irgendwelche Händler oder Gitarristen an Board kamen. Und in so in etwa ging es weiter bis wir aus Bukittinggi raus waren. Die Gitarristen fuhren auch gerne mal einen Kilometer mit, gaben „Bus songs“ zum besten um dann um eine Spende zu bitten. Manchmal hielt der Bus auch vor irgendwelchen kleinen Läden (wo Freunde des Fahrers wohnten) damit man sich was zu essen kaufen konnte und manchmal warteten wir auch eine halbe Stunde auf irgendwen. Als wir aus Bukittinggi draußen waren wurden solche Stopps seltener, aber kamen trotzdem immer mal wieder mal vor. Außerdem konnte man durch Klatschen oder durch Klopfen an die Decke den Bus jederzeit zum Anhalten bringen. So hatten wir während der Busfahrt genügend Zeit um unsere Indonesisch Kenntnisse zu verbessern und um Billy und Tommy (die ursprünglich gesagt hatten sie wären Brüder) über ihrer genau Verwandschaftsbeziehung auszufragen. Das gestaltete sich irgendwie ziemlich verwirrend, das Ergebnis war das die „Mum“ zu der wir gerade fuhren weder Tommy’s noch Billy’s Mutter war, aber das ihr Mann Billy’s Vater war. Eigentlich dachten wir auch er wäre Tommy’s Vater, aber als wir ihn später trafen und fragten stellte sich heraus dass er das nicht war. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher das die beiden gar nicht Brüder sind in dem Sinne wie wir das kennen, sondern man in West Sumatra einfach jeden mit „Uda“ für Bruder oder „Uni“ für Schwester anreden kann.

In Bonjol angekommen lernten wir erst mal Billy’s Famile (Vater, Stiefmutter, zwei Halbschwestern, Oma und Onkel – glaub ich) kennen die in einem sehr einfachen aber hübschen Haus mitten zwischen Reisfeldern mit einem Fischteich vor der Tür leben , quasi direkt auf dem Äquator. Von Billy’s Haustür sind es etwa 100 Meter bis zu der Stelle wo eine Linie auf die Straße gemalt ist – der Äquator.


Nachdem wir das obligatorische „über-den-Äquator-hüpfen“ erledigt hatten (hab den noch nie per Fuß überquert) machten wir uns auf zum besagten Wasserfall, wo Billy selber erst vier mal zuvor gewesen war. Der Weg führte zunächst durch Reisfelder, vorbei an kleinen und größeren Flüssen, wilden Kokosnuss Palmen, Kakao-Bäumen und Duriam Bäumen den Berghang hinauf. Teilweise war das Wasser in den Flüssen richtig warm, da sie teilweise von heißen Quellen gespeist werden. Bald schon war das Wort „Weg“ übertrieben, aus einem gut ausgetreten Weg den die Reisbauern nutzen wurde ein Trampelpfad und schließlich ein Flussbett.



Im Hintergrund sah man die Berge / Vulkane aufragen und davor diese unglaublich grünen Reisfelder. Ich glaube die Definition der Farbe Grün ist ein Reisfeld in Bonjol, egal wie gut die Kamera und egal wie toll der Computer-Bildschirm eingestellt ist – dieses Grün ist einfach nicht in der Farbpalette. Ganz bis zum Wasserfall kamen wir nicht hoch, Billy war seit dem Erdbeben nicht mehr da gewesen und es stellte sich heraus dass ein riesiger Steinbrocken den Weg versperrte. (Keine Frage das Billy da mit seinen Flip-Flops im Nu oben gewesen wäre, aber für uns wär das vermutlich nicht so eine gute Idee gewesen.) Aber die unglaubliche Landschaft entschädigte alles. „Sangat indah – very beautiful!“ Auf dem Rückweg führte uns Billy noch zu einer heißen Quelle, die zwar nicht mehr so blubberte wie vor dem Erdbeben aber die noch definitiv zu warm zum Baden wäre. Zurück in Bonjol musste den Tommy den Bus nach Bukittinggi nehmen, da er am Montag Schule hatte, und in der Hektik des Abschieds kamen wir noch nicht mal dazu im Geld für die Rückfahrt zuzustecken . Dafür haben wir seine Email-adresse so dass wir uns zumindest nochmal anständig bedanken können.






Als nächstes „mieteten“ wir uns in Bonjol ein Motorrad, was so lief das Billy einen „Freund“ fragte ob er sich sein Motorrad (was „zufällig“ sogar ein ziemlich schickes war) ausleihen könnte – für 20 000 Rupia (ca. 2 €) hatten wir ein Motorrad auf das man ganz gut zu dritt drauf passte. Der erste Stopp war ein Bad in einem Fluss, was nach der Kletterei vom Nachmittag wirklich gut tat. Nach einem Abendessen in Bonjol stieß noch Sony zu uns (ein weitere „Freund“ / „ Bruder“) so dass wir zwei Motorräder hatten. Das Sony’s Motorrad kein Licht hatte fand ich spätestens als es dunkel wurde etwas bedenklich, aber er war bei weitem nicht der einzige der ohne Licht unterwegs war, entsprechend vorsichtig fahren auch die Leute dort. An dem Abend fuhren wir noch zu einem Fluss wo gigantische Fische schwammen (von denen wir allerdings nicht so furchtbar viele sahen weil es inzwischen wirklich Nacht war, obwohl die Locals versuchten sie mit Erdnüssen (?!) anzufüttern). Diese Fische sind an sich von einer essbaren Sorte, allerdings stirbt angeblich jeder der so einen Fisch ist – wobei es wohl schon langer keiner mehr ausprobiert hat. Wir wollten da aber auch nicht ersten sein… Außerdem zeigten sie uns an dem Abend noch Reste einer Kanone aus dem zweiten Weltkrieg (da hat man doch nicht mehr mit Kanonen geschossen…?) und noch ein heiße Quelle, die dieses Mal aber auch wirklich als Badehaus genutzt wurde.



Als wir schließlich wieder bei Billy’s Haus ankamen war dort auch die ganze Familie zu Hause und es wurde noch ein sehr interessanter Abend an dem wir unsere Indonesisch Kenntnisse weiter verbessern konnten und viel erfuhren über die Lebensgeschichte diverser Verwandter, aber auch über das politische System. Indonesien ist eine Demokratie mit etwa 40 Parteien und einer Bevölkerung deren Schulbildung größtenteils gegen Null geht. Der Staat besteht aus über 13 000 Inseln auf denen insgesamt mehrere hundert Sprachen gesprochen werden. Insgesamt also nicht die besten Voraussetzungen für eine handlungsfähige Regierung, weswegen auch die Aussage der anwesenden Wahlberechtigen für die Wahl im kommenden Jahr recht einhellig war: „I don’t vote, it changes nothing“. Interessant war auch eine längere Diskussion über Islam (Sumatra ist muslimisch) und Christentum (und westliche Kultur im Allgemeinen) und darüber ob Tourismus gut oder schlecht für die Leute in Sumatra ist. Vor allem Billy’s Vater hatte da eine sehr gespaltene Meinung, kein Wunder, er hat einen fast Hollywood-fähigen Lebenslauf hinter sich. Nach eigenen Angaben hat er als junger Mann (der studiert hatte) seinen regulären Job geschmissen weil er sich durch das Tourismusgeschäft einfaches Geld erhoffte. Er nannte sich selbst so was wie einen Mafia-boss für Touri-Geschäfte von Bukittinggi, der kontrollierte wer welchen Job anbieten durfte und immer was von dem Geld für sich zurückbehielt. Nachdem er, in seinen Worten, eine ganze Zeit lang alles was er an westlicher Kultur gesehen hat blind kopiert hat und ein Leben gelebt hat, „das nicht seines war“ (und auch für solche Geschäfte 3 Jahre im Knast verbracht hat), hat er sich dann entschlossen damit aufzuhören und sich voll und ganz seiner neuen Familie hier in Bonjol zu widmen. Andererseits bringt die Tourismusindustrie natürlich auch dringend benötigte (legale) Jobs ins Land und ich glaube immer noch dass „vernünftiger“ Tourismus einen ganz wesentlichen Anteil zur Völkerverständigung beiträgt. Allein solche Diskussionen wie an dem Abend sind Gold wert.



Am nächsten morgen fuhren wir auf dem Markt in Bonjol, wo Billy’s Mutter Fisch verkaufte. Wir versuchten auch selber unser Glück als Fischverkäufer, weil Billy die Idee hatte man könnte vielleicht ja das Aufsehen das wir ständig erregen mit unserer weißen Haut auch mal für was Vernünftiges nutzen und so vielleicht die Verkaufsrate in die Höhe treiben. Allerdings waren wir leider nicht sehr erfolgreich beim Fischverkaufen (obwohl unsere Indonesisch Künste dazu sogar inzwischen ausgereicht haben). Dafür fanden wir auf dem Markt einen Stand der superleckeres Frühstück verkaufte: „Martabak“, eine Mischung aus Pfannkuchen und richtigem Kuchen. Schließlich wanderten wir noch kurz einen Hügel in der Nähe hoch, wo ein Denkmal für Indonesier stand, die im Krieg gegen die Dänen gefallen sind und von wo aus man einen tollen Blick auf Bonjol hatte. Danach hieß es auch schon Abschied nehmen von der Familie und ab in den Bus Richtung Padang. In Bukittinggi stieg Billy aus – „Salamat tingal!“ bzw. „Dada“ (oder so ähnlich), wie die Locals umgangssprachlich so sagen pflegen.

In Padang angekommen kamen wir uns schon fast wie Sumatra-Profis vor. Wir schaften es auf Anhieb richtig aus dem Bus auszusteigen, das richtige Gepäck vom Dach runtergeladen zu bekommen, keinen überteuerten Preis zu zahlen, das richtige Opolet zu nehmen und auch dort richtig auszusteigen und den opolet-Fahrer auszulachen als er versuchte uns zu wenig Wechselgeld zurückzugeben. Recht schnell hatten wir eine Bleibe und hatten noch einiges an Zeit um Padang anzuschauen, bevor am nächsten morgen der Flieger zurück nach Singapur ging. Padang ist die Hauptstadt von West Sumatra und eigentlich hat Padang mir richtig gut gefallen, auch wenn die Stadt im Lonely Planet nicht besonders gut wegkommt. Es gibt einen absolut gigantischen, sozusagen unendlich großen Markt wo wieder jede Menge Chili und getrockneter Fisch, aber auch sehr viel Gemüse, Obst und sonstiger Kleinkram verkauft wird. Ich hab meine erste richtige Duriam probiert. Gar nicht so furchtbar wie ich dachte. Ein bisschen wie Kürbis. Eigentlich relativ geschmacksneutral. Und wieder waren die Leute absolut verrückt danach, fotografiert zu werden. Teilweise verläuft der Markt direkt an (auf) einer gar nicht so kleinen Straßen, d.h. der frische Fisch wird direkt geräuchert von den Abgasen, aber das scheint niemanden zu stören. Andererseits, nachdem der durchschnittliche Indonesier in Padang (und auch in Bukittinggi) sowas wie 10 Zigaretten am Tag zu konsumieren scheint ist es vermutlich tatsächlich egal. Auch die Busse in Padang sind sehr interessant. Hauptsächlich möglichst bunt bemalt, drönende Musik an die man noch 2 Straßen weiter hört und immer ein Teenager der sich etwas dazuverdient indem er aus der stehts offenen Bustüre lehnt und lautstark die Route des Busses ausruft und Passanten zum Einsteigen auffordert.


Außerdem hat Padang noch eine tolle Strandpromenade. Und der indische Ozean ist schon etwas anderes als das Meer vor Singapur, das ja fast wellenlos ist weil so geschützt durch die ganzen umliegenden Inseln. Auch der Hafen am Fluss ist am Abend sehr schön, es gibt eine Brücke die über die Flussmündung führt und wo viele Locals den Abend ausklingen lassen – natürlich bei ausreichend vielen Essenständen. Als wir dort saßen wurden wir von einer Gruppe Frauen im mittleren Alter angesprochen, mit denen wir uns dann eine ganze Weile sehr interessant unterhielten – ganz anders als die ständigen „Hello Miss“ – Rufe von den Kindern und Jugendlichen und die schon fast aufdringlichen Verkaufsangebote von den Händlern und Taxifahrern. Ja, auch in Padang trafen wir eigentlich gar keine anderen Touristen und fielen dementsprechend auf. Teilweise kann das richtig anstrengend und sogar manchmal etwas beängstigend sein, aber die meiste Zeit freut man sich drüber und hat Spaß dran. Besonders lustig war es, als Maren auf die Idee kam mit die Locals mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und Leute, die sie mit dem üblichen „Hello Miss – where you go? What your phonenumber?“ begrüßten völlig überschwänglich zurückgrüßte als wäre es ein lang verlorener Freund. Die verdutzten Gesichter waren super! :-D



Sehr interessant war auch die Polizei von Padang. Als wir an einer Polizeistation vorbeigingen kam ein Polizist raus und winkte uns stehenzubleiben. Ich dachte schon wir bekämen vielleicht Ärger weil wir uns nicht an den für Indonesierinnen üblichen Dresscode (lange Hose / Rock, lange Bluse und Kopftuch) hielten. Am Anfang klang es auch etwas so als würde es etwas in die Richtung gehen, nach ausführlicher Begrüßung und den üblichen Fragen (wo kommt ihr her? Wo reist ihr hin? Wie lang seid ihr schon in Sumatra? Habt ihr Familie? Seid ihr verheiratet? Welche Religion?...) warnten sie uns davor allzu spät abseits der gut beleuchteten Straßen herumzulaufen. Dann allerdings wollten sie auch unsere Handynummern haben und unbedingt Foto mit uns machen (hatten natürlich alle so tolle Fotohandys). Wir mussten schon sehr bestimmt sagen dass wir weiter wollten damit wir da wieder wegkamen. Etwa 15 Minuten später, wir liefen gerade die Strandpromenade entlang, hielt plötzlich hupend ein Polizeiauto neben uns und die Polizisten von vorhin fragten uns wo wir hin wollten und forderten uns auf hinten einzusteigen – sie würden und hinfahren. Also irgendwie hatte ich weniger Bedenken mitten im Nichts nachts auf einem Motorrad ohne Licht zu fahren bei einem „Freund“ von Billy hintendrauf als bei diesen komischen Polizisten einzusteigen! Also haben wir sehr bestimmt gesagt dass wir schon alleine klarkommen und haben es danach mit einigen plötzlichen Richtungswechseln auch geschafft die Jungs abzuhängen die uns irgendwie „zufällig“ etwas zu folgen schienen. Nachts in einer indonesischen Stadt auf der Flucht vor der Polizei – habe ich erwähnt das Sumatra voller Überraschungen ist?



Am nächsten morgen dann wieder zurück nach Singapur – am Flughafen schon willkommen geheißen von einer ganzen Reihe Verbotsschilder, überall wieder richtige Mülleimer und in der U-Bahn die Durchsage „If you see any suspicious looking person or article, please inform our staff or press the emergency communication button…“. Willkommen daheim.

Dienstag, 4. November 2008

Neues aus Singapur

Jetzt habe ich schon eine ganze Weile nichts geschrieben und vor allem schon lange nichts mehr über Singapur geschrieben. Höchste Zeit das zu ändern. Tatsächlich war ich die letzen paar Wochenenden ausnahmsweise mal in Singapur (ja, das kommt vor ;-), zum einen weil ich doch einiges für die Uni tun musste und zum anderen, weil es hier doch noch einiges zum entdecken gibt. Singapur ist eben doch ein bisschen mehr als „a fine city“.



Uni läuft soweit eigentlich ganz gut, ich hab jetzt dann am Semesterende (ist hier ja schon relativ bald, sind nur noch anderthalb Wochen Vorlesungszeit) nur eine Klausur die ich hier mitschreibe insofern ist der Druck noch nicht so groß dass ich schon ernsthaft was getan hätte. Dafür arbeite ich fleißig an meinem Projekt weiter, das ist nämlich deutlich interessanter. Offiziell ist das Modul zwar schon zu Ende, aber irgendwie stört das weder mich noch meinen Betreuer also machen wir noch etwas weiter solange ich hier bin. Das ist sowieso so eine Geschichte. Am Freitagabend vor zwei Wochen hab ich mich hier mit ein paar Freunden getroffen und im Rahmen einer Diskussion über Halloweenaktivitäten fiel dann von einer Freundin der Satz, das sie keine Zeit hätte weil am Montag ihre Projektabgabe wäre. Etwas stutzig, weil sie nämlich das gleiche Modul wie ich belegt hat, hab ich dann in der Nacht auf Samstag mal auf der Homepage etwas herum gesucht und tatsächlich – ich hatte auch am Montag Abgabe! Full report und 4 – Seiten – Abstract mit hunderttausend Formatvorgaben . (Und zwar so Word-User Formatvorgaben: Absätze 5 Leerzeichen einrücken. Grrr – Latex kann selbstverständlich einrücken aber nur in vernünftigen Einheiten wie mm oder pt aber nicht in „Leerzeichenbreite in Times New Roman Schriftgröße 12“. Naja, bei der Gelegenheit habe ich herausgefunden dass es eine ganze Wissenschaft zu Leerzeichen gibt.) Ich dachte dieser Bericht wäre irgendwann im Dezember fällig, insofern hatte ich noch absolut gar nichts dafür gemacht, wir waren ja auch gerade erst dabei ein paar interessante Sachen rauszufinden und noch gar nicht an einem Punkt wo man das vernünftig hätte abschließen können. Naja, Samstag(!) morgen hab ich dann meinem Betreuer eine sms geschrieben, woraufhin der prompt zurückrief und sagte, dass er von diesem Termin auch keine Ahnung gehabt hatte. Naja, ich hatte dann ein durchaus arbeitsintensives Wochenende um es mal so auszudrücken aber Montag spät abends war das Ding dann halbwegs fertig so dass ich es abschicken konnte. Der Kommentar von meinem Prof dazu: „You’re German.“



Das Wochenende drauf hat es mich dann auch mal mit einer Magen-Darm Geschichte erwischt. Ist hier unter „Westerners“ absolut nicht unüblich - jede Menge ungewohntes Essen und vor allem jede Menge Bakterienarten die wir nicht gewohnt sind. Ich war schon sehr stolz dass ich so lange ohne Probleme durchgekommen bin. Sonntag abend kam dann aber auch noch Fieber dazu, und als dann Montag morgen mein Fieberthermometer den Geist aufgab beschloss ich doch mal lieber zum Arzt zu gehen – mit Fieber ist hier unten wegen Dengue und Malaria nicht so zu spaßen. Da (natürlich) Feiertag war, bin ich also hier zum Krankenhaus auf dem Campus. Und die haben tatsächlich eine interessante Art Fieber zu kurieren. Ich hab ja sogar noch dran gedacht mir was Warmes anzuziehen bevor ich los bin, weil das Krankenhaus als öffentliches Gebäude natürlich wieder völlig überklimatisiert ist - aber ich hätte schon im Ski-anzug kommen müssen um den Temperaturen entsprechend gekleidet zu sein. An war das System dort recht effizient, sobald man zur Tür rein kommt wird Fiebergemessen noch bevor man den Mund aufmachen kann um zu sagen was eigentlich los ist. Dann gibt es einen Pauschalbetrag den man bezahlen muss für Arzt sehen, Behandlung und Standardmedikamente. Ich musste dann auch gar nicht lange warten um einen Arzt zu sehen. Der kam dann zu dem Schluss das ich dehydriert sei und mein Fieber aber sonst harmlos sei und hat mich zur „Rehydration“ geschickt – 2 Liter Kochsalzlösung auf „Zimmertemperatur“. Bloß blöd dass hier “Zimmertemperatur“ 16 Grad sind! Mein ganzer Arm wurde zum Eisklotz und die Fingernägel sind blau angelaufen und nach einiger Zeit fing der ganze Unterarm zu schmerzen. Aber auf Nachfrage warum das Zeug so verdammt kalt sein muss: „It’s not cold – room temperature. It’s ideal.“ Tja, Fieber hatte ich danach bestimmt keins mehr – ich schätze meine Körpertemperatur nach der Aktion auf 25 Grad oder so was ;-). Naja, die Woche drauf war ich dann erkältet – könnte da ein Zusammenhang bestehen….? Aber zumindest war ich so froh endlich raus aus dem Krankenhaus und und wieder an die tropische, feuchte, 30 Grad warme Luft zu kommen dass ich mich gleich schon wieder sehr gesund gefühlt habe.



Ansonsten habe ich die letzten Wochen genutzt um mich ein bisschen mehr in Singapur umzuschauen. Besonders gut hat mir die Gegend um Marina Bay / Singapore River gefallen. Direkt am Ufer sind weitläufige, sehr schön gestalte Uferpromenaden, dahinter ragen dann die Wolkenkratzer des Financial District in die Höhe. Vom 72. Stock des Swiss Hotels hat man dann auch eine ganz beeindruckende Aussicht über Singapur. Zwischen dieses gigantischen modernen Bauwerken (sehen übrigens richtig gut aus, keine Betonklötze) kauern dann aber auch wieder kleine, ein- bis zwei stöckige Gebäude und Food stalls. Mitten im Financial District haben wir einen ganz tollen Food Court entdeckt wo es ganz tolles Satay gibt – ein malaysisches Gericht, im wesentlichen Fleischspießchen mit Erdnuss-Chili-Sauce. Ebenfalls am Singapore River ist die Nachtclub-Szene Singapurs. Besonders viel los ist (außer am Wochenende) vor allem Mittwochabend – Ladies Night. Da kommen Frauen umsonst oder sehr billig in die meisten Clubs rein und kriegen dann auch noch kostenlos unbegrenzt Getränke (nur(!) alkoholische…). Rentieren tut sich das für die Clubs dadurch dass die Jungs sich an den Abenden dumm und dämlich zahlen – erst mal 20 € Eintritt und dann auch noch teure Getränke. Schon ein etwas seltsames System, ehrlich gesagt.




Letzten Freitag hatte ich dafür Abendprogramm einer ganz anderen Art – wir waren in Chinatown in einer chinesischen Oper. War wirklich super (und touri-freundlich ;-) gemacht. Der Raum war winzig, es standen etwa 5 Tische + entprechend Stühle (es gab zuerst chinesisches Essen bevor’s los ging) und eine vielleicht 2 mal 3 Meter Bühne. Nach dem Essen gab’s erst mal eine recht lange Einführung in der die Bedeutung der verschieden Kostümfarben und –formen, die Bedeutung der Gesichtsbemalung und einige andere grundlegende Prinzipien erklärt wurden. War aber durchaus erfolgreich - danach konnte man dem Handlungsverlauf tatsächlich folgen ohne auch nur ein Wort chinesisch zu verstehen.



Auch erwähnenswert ist das Deepavali - Fest bei mir im Wohnheim. Ich hatte ja schon erwähnt das Montag vor einer Woche Feiertag war. Der Feiertag heißt Deepavali (übersetzt so was wie Fest des Lichtes) und ist ein indisches Fest das auf eine alte Sage zurückgeht. Irgendein König siegt oder wird besiegt oder irgendwie so was. Zumindest war an dem Abend richtig viel los bei mir auf dem Wohnheimgelände. Das ganze Zentrale Foyer war zur Freilicht-tanzfläche umfunktioniert worden und die breiten Stufen die da hinunterführen zur Bühne, auf der eine indische Band unglaubliche laute Rock- und Heavy Metall Musik zum Besten gab. Überall waren Inder in traditionellen Gewändern und es gab auch traditionelles indisches Essen, aber da war mein Magen noch nicht fit genug dafür.



Besonders schön war auch letzen Sonntagabend. Lynn, eine Holländerin die mit mir in zwei Wochen auf die Philippinen fährt hat mich mit genommen zum Abendessen bei ihrer „Host Family“. Es gibt da anscheinend so ein Programm, dass Singapurianische Familien sich bereit erklären sich so ein bisschen um einen internationalen Austauschstudenten zu kümmern, und so ist Lynn zu ihrer Gastfamilie gekommen. Es gab total leckeres Essen - Seafood Steambowl, auch genannt Chinese Fondue und dazu „Salat“. Salat heißt in diesem Fall: Frische geschnittene Chilischoten und dazu Sojasauce als Dressing. War aber lecker – bloß zuviel davon konnte ich nicht essen. Und ich hab gelernt dass man Prawns (wie heißen die denn gleich noch mal auf Deutsch – die großen Brüder von den Shrimps?) nicht schälen muss sondern auch so essen kann. Vor allem nach der Essen entwickelte sich noch eine sehr lange und sehr interessante Diskussion über diverse Aspekte Singapurs die man sonst als Touri nicht so mitkriegt, da die (einzige) Zeitung von der Regierung kontrolliert wird – wie so eigentlich auch alles andere hier. Es war wirklich mal interessant zu hören was die Singapuris selber denn so von ihrer und anderen Regierungsformen halten und auch einen tieferen Einblick in die Geschichte und aktuelle Politik Singapurs zu bekommen. Aber dieses Thema hat einen eigenen Abschnitt verdient.

Ansonsten bin ich zur Zeit dabei mir meine Visa und Flüge für Dezember und Januar zu organisieren und freu mich schon wie ein Schnitzel auf die Zeit in Malaysien , Thailand, Cambodia, Laos, Vietnam und Indonesien. Auch wenn es dann heißt Abschied nehmen von Singapur und meinen ganzen neuen Freunden hier, was mir sicherlich nicht ganz leicht fallen wird – aber die Aussicht auf 2 Monate Urlaub in Asien mit Sebastian…. 