Jeepneys statt Opolets, amerikanische Steckdosen die meinen Asien-adapter nutzlos machen, Rechtsverkehr, kurze Hosen und T-shirts statt Kopftuch, katholische Kirchen statt Moscheen – gerade als ich dachte ich hätte ein bisschen herausgefunden wie Südostasien funktioniert besuche ich die Philippinen, und alles ist doch wieder anders.
Die Kurzform der Geschichte der Philippinen ist eine lange Liste an Besatzungsmächten – und ein langer, langer Kampf der Filipinos für Unabhängigkeit. Die ersten Kolonialherren (1565) waren die Spanier, die vor allem an den Rohstoffen des Landes interessiert waren. Zwar steht an einigen (von Spanien gestifteten) Gedenkstätten zu lesen, dass die Spanier den Filipinos Zivilisation, Infrastruktur und Bildung gebracht hätten – jedoch war die Infrastruktur lediglich dazu da die Rohstoffe möglichst schnell aus dem Land herauszubringen und Schulbildung war nur für Spanier und einer sehr kleinen philippinischen Elite zugänglich. Sicherlich richtig ist jedoch, das die Spanier den katholischen Glauben in die Philippinen brachten. Zwischenzeitlich übernahmen die Briten die Macht auf den Philippinen, wurden aber nach zwei Jahren wieder von den Spaniern verdrängt. Auch die Holländer versuchten während dieser Zeit ihr Glück, allerdings weniger erfolgreich.
Nicht sehr glücklich mit den spanischen Kolonialherren, gab es von Seiten der Filipinos immer wieder Unabhängigkeitsbestrebungen und Rebellionen. Die große Chance kam (um 1890) als sich Amerika und Spanien wegen Kuba im Krieg befanden – die Gelegenheit nutzend die Spanier zu schwächen, unterstützten die Amerikaner auf Bitten der Filipinos die schon recht fortgeschrittenen philippinischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Im Rahmen der Philippinischen Revolution kontrollierten die Filipinos bereits große Teile des Landes und mit Hilfe der Amerikaner gelang es den Filipinos die Spanier in der Bucht von Manila zu schlagen. Noch während der letzten Schlacht schöpfte der philippinische General Misstrauen in den Motiven der Amerikaner und deklarierte die Unabhängigkeit der Philippinen, doch da war es schon zu spät – in einem Treffen bei dem kein philippinischer Vertreter anwesend sein durfte kapitulierten die Spanier gegenüber den Amerikanern (nicht den Filipinos) und die spanischen Fahnen wurden durch amerikanische ersetzt als die Philippinen amerikanische Kolonie wurden. Im Filipino-American War kämpften die philippinischen Unabhängigkeitskämpfer weiter, nun gegen neue Herren. Trotzdem waren den Filipinos die neuen Herren lieber als die Spanier, die Amerikaner bauten tatsächlich die Infrastruktur aus und machten Schulbildung breiteren Schichten der Bevölkerung zugänglich. Das heute fast jeder Filipino zumindest halbwegs passables Englisch spricht ist sicherlich auf diese Zeit zurückzuführen. Gerade als philippinische Unabhängigkeitsverhandlungen mit den USA endlich wieder die Hoffnung der Filipinos auf Unabhängigkeit weckten, begann der 2. Weltkrieg und die Japaner landeten auf den Philippinen. Sowie ein Großteil der asiatischen Länder wie Dominosteine fiel, fiel auch der Großteil der Philippinen recht schnell – natürlich wie auch schon in den Kämpfen zuvor waren es die Filipinos die mit Abstand die größten Verluste zu betrauern hatten. Aber so ganz wie geplant lief die Eroberung der Philippinen nicht für die Japaner. Auf Corrigidor, einer kleinen Insel in Manila Bay, die strategisch an der sehr schmalen Mündung dieser Bucht positioniert ist, leisteten Amerikaner und Filipinos unter General Douglas MacArthur noch monatelang Widerstand.
Viele Analysten heute sagen dass der zähe und für beide Seiten teure Kampf um diesen Felsen vermutlich Australien und Neuseeland vor einer japanischen Invasion bewahrt hat. Die Rückeroberung des asiatischen Raumes durch die allierten Truppen begann in den Philippinen – die Verluste in der philippinschen Bevölkerung lagen bei gut 10%. Die Philippinen standen mal wieder unter amerikanischer Besatzungsmacht. 1946 wurden die Philippinen ofiziell unabhängig, jedoch zeigten die Amerikaner noch jahrzehntelang Militärpräsenz.
Corregidor, diese kleine Insel am Eingang der Bucht von Manila die zu kontrollieren unumgänglich ist wenn man den Wasserweg zur Metropole Manila nutzen will und die eine nicht unwesentliche Rolle im zweiten Weltkrieg gespielt hat, war auch der Ort wo ich den Großteil dieses Geschichtswissens herhabe. Eine gute Bootsstunde von Manila entfernt liegt diese heute unbewohnte Insel auf der zahlreiche Gedenkstätten und die Reste der Befestigungsanlagen an die Rolle dieses „Felsens“ im 2. Weltkrieg erinnern.
Neben zahlreichen Kanonen und Soldatenbaracken ist vor allem der „Manila Tunnel“ beeindruckend, eine große unterirdische Anlage die als Schutz vor Bombenangriffen, als Munitionslager, Krankenhaus und Kommandozentrale fungierte. Große Teile davon sind eingestürzt, teilweise schon während des Krieges, teilweise erst in jüngerer Zeit. So vermutet man z.B. noch die Gebeine von hunderten japanischen Soldaten in den Trümmern, die Teile des Tunnels in die Luft jagten als amerikanische Fallschirmspringer im Zuge der Rückeroberung gegen Ende des 2. Weltkrieges auf der Insel über der Tunnelanlage landeten. Am Meeresboden um Corregidor herum dagegen vermuted man tausende von Pesos-Münzen, die bei einer Evakuation der Insel zurückgelassen werden mussten (ich glaube es waren die kapitulierenden Spanier die diese Münzen versenkten). Im Rahmen einer geführten Tour (mit lauter amerikanischen Touris…) gab es Mittags ein tolles Mittagessen – eine interessante Mischung aus local Seafood mit amerikanischer Barbecue Sauce. Und frischen Salat!
Metro Manila selber ist eine interessante Stadt, aber nicht gerade das was ich eine schöne Stadt nennen würde. Wenn der Begriff „Stadt“ überhaupt zutreffend ist für dieses riesige Gebilde mit gut über 11 Mio Einwohnern. Auf mich machte Manila den Eindruck einer Konsumgesellschaft nach amerikanischen Vorbild – jedoch ohne das nötige Geld. Schon die Fahrt vom Flughafen in die Stadt (die etwa 4 Stunden dauerte weil der Bus sich etwa 3 Stunden langen durch das Verkehrschaos von Manila kämpfen musste) lieferte erste Eindrücke. Müllhalden in den Außenbezirken der Stadt, auf denen Kinder und ältere Leute nach verwertbaren Gegenständen suchten, direkt darüber eine etwa 15 x 20 Meter große Werbetafel für das neueste Kosmetikprodukt. Die Hütten aus Pappe und Wellblech gegen die Träger dieser Werbetafel gebaut und nur erleuchtet durch das ein oder andere Müllfeuer, die Werbetafel selber dagegen strahlt hell im Scheinwerferlicht. Ja, die Slums von Manila sind bestimmt kein Ort an dem man sich nach Anbruch der Dunkelheit aufhalten sollte und bei Tageslicht eigentlich auch nicht. Im Zentrum von Manila dagegen Wolkenkratzer und sehr gepflegte Parkanlagen. Vor jedem Hotel, jedem Hostel, jedem Parkeingang , jedem Einkaufszentrum – eigentlich überall stehen schwer bewaffnete Wachleute. Und nur eine Straßenecke weiter ist dann wieder die bitter Armut überall sichtbar. Und die Straßenkinder. Überall Straßenkinder. Es müssen tausende, hundertausende sein wenn nicht mehr. Teilweise versuchen sie sich ihr Brot zu verdienen indem Taxis aus dem Verkehrschaos herauswinken und dafür von den Passagieren / Taxifahrern ein kleines Trinkgeld bekommen, teilweise verkaufen sie Wasser und Süßigkeiten an Autofahrer in den hoffnungslos verstopften Straßen – doch der allergrößte Teil scheint sich durch Betteln am Leben zu halten. In manchen Straßen sind die Bürgersteige gesäumt von bettelnden Kindern und Müttern mit Säuglingen. Nach Anbruch der Dunkelheit schlafend auf Pappkartons. Entlang der Manila Bucht führt eine sehr gepflegte breite Strandpromenande, sauber, schön gepflastert, Palmen gepflanzt, alles was dazugehört. Unterhalb, direkt am Strand, wo der Müll von Manila den Sand der Bucht verschwinden lässt und die Brandung die unzähligen Plastiktüten, Dosen, Flaschen, Verpackungen, etc. nach und nach ins offene Meer hinausträgt findet man in der Früh zahlreiche Straßenkinder, die sich hier waschen. Und spielen, lachend und tobend über den „Strand“ laufen als wäre der ganze Müll nicht da, als wären sie im Urlaub und würden die Zeit genießen bevor die Mutter zum Mittagessen ruft….
Ein großes Problem der Philippinen ist eine unglaublich korrupte Regierung, die es fast unmöglich macht das finanzielle Hilfe von außen direkt bei diesen Kindern ankommt. Aber ihnen ein paar Pesos in die Hand zu drücken, löst auch keine Probleme. Habe mir stattdessen fest vorgenommen eine Organisation ausfindig zu machen, die sich so anhört als würde sie vernünftige, nachhaltige Projekte für Straßenkinder dort durchführen und was spenden. Also wenn wer da was tolles weiß, bin für Vorschläge offen.
Aber Manila hat auch seine Glanzseiten. Von den historischen Gebäuden gibt es nicht viele die die Eroberung durch die Japaner und die Rückeroberung durch die Allierten überlebt haben, aber das Fort, gebaut an einer Flussmündung ist recht beeidruckend (gleichzeitig Gedenkstätte für José Rizal, ein philippinischer Schriftsteller (und Physiker übrigens) und Nationalheld, der von den Spaniern hingerichtet wurde) und auch ein paar Kirchen haben überlebt. Folgende Tafel am Portal eine dieser Kirchen ist treffendes Beispiel für die Entschlossenheit der Filipinos:
Besonders gut haben mir in Manila auch die Jeepneys gefallen. Die Originale waren ursprünglich Fahrzeuge der US – Armee die nach Abzug der Truppen im Lande blieben und die zu öffentlichen Verkehrsmittel umfunktioniert wurden. Sie fahren die großen Straßen ab, auf der Seite des Jeepneys steht die Route geschrieben. Aufgrund des Verkehrschaoses fahren sie nie sonderlich schnell sodass man einfach kurz winken und hinten aufspringen kann. Drinnen sind 2 Holzbänke, man sitzt quer zu Fahrtrichtung. Oder wenn’s voll ist hängt man irgendwie außendran oder steht auf dem Trittbrett. Man drückt dem Fahrer ein paar Pesos in die Hand und wenn man glaubt das man da ist wo man hinwollte, springt man wieder ab. Inzwischen werden auch Nachbauten dieser originalen Jeepneys im Lande produziert, hauptsächlich möglichst originalgetreue Alu-Karosserien und dann möglichst bunt bemalt und mit Aufklebern zugekleistert.
Ach ja, noch ein kleine Geschichte aus Manila. Auf dem Weg ins historische spanische Viertel fiel mir auf der einen Seite des Weges ein ganz toller Baum auf - eigentlich hatte er keinen Stamm aber stattdessen ein meterhohes Wurzelwerk. Eben die Sorte Baum die sich gut als Fotomotiv eignet. Naja, das endete damit dass ich von amerikanischen und philippinischen Soldaten abgeführt wurde, weil sich nämlich auf der anderen Seite des Weges (also nicht mal in der Richtung in die ich fotographiert habe)die amerikansiche Botschaft befand. Ich musste dann mit in das nächste Wachhäuschen und es hat eine ganze Weile gedauert bis die davon überzeugt waren dass ich nicht sonst was vorhatte und mich wieder haben gehen lassen. Die Bilder musste ich natürlich löschen, deswegen kann ich kann ich gar nicht zeigen wie toll der Baum eigentlich war...
Eine ganz andere Seite der Philippinen zeigt sich sobald man Manila verlässt. Etwa zwei Busstunden südlich von Manila liegt Tagaytay, ein kleines Städtchen von dem aus man eine gigantische Aussicht auf Lake Taal (ziemlich genau halb so groß wie der Bodensee) und dessen Vulcano Island hat.
Lake Taal selber ist eigentlich auch schon ein Kratersee, der auf einen gigantischen Vulkanausbruch vor 500 000 bis 100 000 Jahren hinweist. Im 16. Jhd wurde durch eine weitere Eruption ein Teil der Bucht von Balayan vom offenen Meer abgetrennt und formte so den heutigen Süßwassersee Taal Lake. Auf Vulcano Island befinden sich heute noch aktive Vulkane (große Ausbrüche 1911 und 1965, 33 Ausbrüche seit 1572, letzter Ausbruch 1977, seit 1991 wieder Anzeichen erhöhter seismischer Aktivität). Tagaytay war unser Startpunkt für einen Ausflug zu eben jener Insel. Nach kurzer Fahrt in einem Minibus, der die scharfen Kurve der steilen Straße zum See hinab mit dem üblichen rasantem Tempo nahm, und einem kurzen Bootstrip in einem kleinen Kahn über den See, vorbei an zahlreichen schwimmenden Holzkonstruktionen (Fish Farms) erreichten wir die Insel.
Lynn, der es gesund heitlich nicht ganz so gut ging und die mit Birkenstock-Schlappen und Handtasche auch irgendwie nicht so recht für eine Wanderung auf den Vulkan ausgerichtet war, bekam dort ein Pferd + Führer und dann konnte es los gehen. Insgesamt hatten wir also drei Filipinos dabei, der eigentliche guide, der Bootsmann und der Junge aus dem „Dorf“ (vielleicht 3 Hütten) am Fuße des Vulkans der das Pferd führte. Allein hätten wir auch den Weg nie gefunden, denn dieser war in keinster Weise markiert und schien auch nicht viel begangen zu werden, der Junge aus dem Dorf musste immer wieder mit seiner Machete das ganze Grünzeug soweit wegschlagen das wir überhaupt durchkonnten. Und die Filipinos konnten uns auch jede Menge interessante Sachen zeigen, so konnten wir unterwegs Papaya - früchte und Kokosnüsse von den Bäumen holen. Letzeres war schon etwas abenteuerlich, Kokosnüsse wachsen eben doch recht weit oben. Einer der Filipinos kletterte auf einen benachbarten Baumwipfel und stieß von dort aus mit einem langen, vorne gespaltenen Ast in die Krone der Kokosnusspalme um so die Früchte herunter zu holen, um sie hinterher mit seiner Machete zu öffnen. Hmmmm…..
Die Insel ist zwar an sich nicht sehr groß, besteht aber gleich aus mehreren Gipfeln und Kratern vulkanischen Ursprungs die mehr oder weniger aktiv sind. Der Krater, den wir uns ausgesucht hatten, gehört zu einem noch aktiven Vulkan und hat einen großen Kratersee. Das Wasser ist durch die thermischen Aktivität dort sehr warm und etwas schwefelhaltig und, was mich überrascht hat, es war Salzwasser. Einer der Filipinos erzählte uns dass das Salz aus dem Bodengestein unter der Wasseroberfläche stammt und dass man an der gegenüberliegenden Seite des Sees Süßwasser und noch deutlich wärmere Temperaturen vorfinden würde. Der See hat einen Durchmesser von ca. 2 km, zu groß um mal schnell an die andere Seite schwimmen zu können deswegen konnten wir das leider nicht überprüfen.
Aber eine Bucht weiter bin ich doch geschwommen – und konnte dort nicht an Land gehen weil der Boden viel zu heiß war um barfuß darauf stehen zu können. Nur einige cm vom Wasser entfernt war eine Vertiefung im Felsen, in der man das Wasser kochen sehen konnte. Ein kurzes Testen der Temperatur mit dem kleinem Finger bestätigte sehr eindeutig, das dies keine optische Täuschung war. Das Wasser dort in der Nähe des Ufers war auch weit über Badewannentemperatur. In dem See war auch eine kleine Insel, jedoch scheiterte der Versuch hinzuschwimmen an der recht starken Strömung, die vermutlich durch die Temperaturunterschiede zustande kommt. Aber eigentlich schon lustig: Eine Insel in einem Salzwassersee auf einer Insel in einem Süßwassersee auf einer Insel im Meer . Oh, Wikipedia sagt übrigens die weltgrößte Insel in einem See auf einer Insel auf einem See auf einer Insel. Sie hat auch einen Namen: Vulcan Point und ist selber natürlich auch wieder vulkanischen Ursprungs. Am gegenüberliegenden Ufer konnte man auch deutlich den Dampf heißer Quellen aufsteigen sehen. Wir hatten an dem Nachmittag den kompletten See ganz für uns alleine, was schon irgendwie beeindruckend war. Und die ganze Landschaft, der Krater, der See, die Insel, der Dschungel – gigantisch. Und das nur zwei Stunden von Manila entfernt.
Bis auf einige Reibereien in unserer kleinen Reisegruppe (ich sag nur Birkenstocksandalen und Handtasche um einen Vulkan zu besteigen – und das war noch das harmloseste…) also wirklich tolle, und vor allem sehr lehrreiche vier Tage auf den Philippinen. Jetzt noch zwei Wochen Projektarbeit und Prüfungen schreiben in S’pore – and dann geht’s los quer durch Südostasien mit Sebastian . Werde aber versuchen mich hier hin und wieder zu melden.