„Selamat siang“ – so sagt man „Guten Tag“ auf Indonesisch. Allerdings nur zwischen 12 und 14 Uhr. Davor sagt man „selamat pagi“ und danach „selamat sore“. Ausgesprochen wie man’s schreibt. Mein erster Trip nach Indonesien ist zwar nun schon eine gute Woche her, aber neben unglaublich vielen Eindrücken, Erinnerungen und Bildern sind auch noch ein paar Worte indonesisch hängengeblieben. Und etwas Sonnenbrand und traumhafte Muscheln. Aber vielleicht sollte ich von vorne anfangen…
Vom 22. bis 25. August war ich mal wieder mit einer Gruppe Exchangestudents unterwegs. Da man sich hier drauf verlassen kann, dass sämtliche Lecture notes und sonstige wichtige Informationen online sind, verleitet es eben etwas dazu gleich von Freitag bis Montag wegzufahren ;-). Zwei aus der Gruppe waren auch schon in Doha und Kuala Lumpur dabei, den Rest habe ich im Wesentlichen erst im Rahmen des Indonesientrips kennengelernt. Hauptziel unserer Reise war Pulau Bintan (Pulau heißt Insel). Auf Pulau Bintan liegt Tanjung Penang, die Hauptstadt der Riau Islands, eine indonesische Inselgruppe die nur ein bis zwei Bootsstunden von Singapur entfernt liegt. Auf einer Indonesienkarte betrachtet ist diese Inselgruppe kaum zu finden, was aber weniger an der Größe dieser Inseln liegt (Pulau Bintan dürfte etwa 50 x 80 km² groß sein, also deutlich größer als Singapur) sondern vielmehr an der unglaublichen Größe Indonesiens.
Vom Deck der Fähre die uns nach Tanjung Penang brachte, hat man einen schon eine Ahnung von den Dimensionen dieses Landes bekommen: Nachdem man die riesigen Tankerkolonnen die vor Singapurs Hafen warten verlassen hat, sieht man, wohin man auch schaut, erst einmal eine ganze Weile lang Meer mit nur hin und wieder einem kleinem traditionellen Schifferboot das auf den Wellen schaukelt, und dann im Hintergrund aber grüne Inselnketten mit tropischen Regenwald, die sich über den ganzen Horizont erstrecken.
Die Fahrt dauerte immerhin zwei Stunden, und ständig tauchten neue Inseln auf. Und das gehörte alles noch zu den Riau Islands, wie gesagt eine Inselgruppe die man auf einer Indonesien Landkarte kaum finden würde.
Nachdem wir in Tanjng Penang angekommen waren, verbrachten wir den Abend damit die Stadt zu erkunden. Nachdem diese Stadt nur sehr wenige Touristen sieht, war es zunächst eine Herausforderung überhaupt so etwas wie einen Stadtplan aufzutreiben, aber nach einigem Suchen fanden wir soetwas wie eine Touristinfo, wo wir dann auch gleich alle sofort im Gästebuch unterschreiben mussten und damit wahrscheinlich die Existenz dieses Büros für die nächsten drei Jahre gesichert haben.
Die Stadt erstreckt sich größtenteils entlang des Ufers und so bietet es sich an am Ufer entlang zu schlendern, wo man auch wieder jede Menge Straßenverkäufer und Foodstalls mit total leckerem Essen findet. Von den Einheimischen wird man begeistert mit „Hello Mister, hello Miss“ begrüßt, allerdings sind das die einzigen englischen Wörter die die allermeisten können. Kommunikation verläuft also mehr mit Händen und Füßen und gelegentlichen blättern im „Lonely Planet“ – Reiseführer der im Anhang einige nützliche Wörter und Redewendungen aufgelistet hat. Die Einheimischen lassen sich jedoch von diesen Kommunikationsschwierigkeiten keinesfalls abschrecken. Man bekommt alles einfach so lange erklärt bis man so schaut, als hätte man das Wesentliche verstanden. Zur Not wird jemand losgeschickt, jemanden zu holen, der jemanden kennt, der jemanden kennt, dessen Sohn in der Schule englisch lernt.
So haben wir dann doch erfahren, aus was das leckere Essen aus dem Foodstall besteht, wie man es isst, wie man zum night market kommt und haben sogar eine Einladung zu einer Karaoke-bar bekommen. Dort blieben wir zwar nicht sehr lang, wollten ja noch den Rest der Stadt sehen aber es war eine prima Gelegenheit was mit ein paar „locals“ zu unternehmen.
Obwohl Tanjung Pinang doch einige Gemeinsamkeiten mit Kuala Lumpur hat (hier sind Mopeds auf denen wirklich alles, z.B. 4 Kinder auf einmal, transportiert werden noch üblicher als in KL) ist es eigentlich nicht zu vergleichen. KL ist eine multinationale Großstadt, Tanjung Pinang ist dagegen eine Provinzhauptstadt in der es nachts meistens gar keinen Strom oder nur in den Hotels Strom gibt. Die Armut ist schon allgegenwärtig, man sieht einige Kleinkinder auf der Straße betteln, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist es eine sehr lebhafte, bunte Stadt die sich über Besucher unglaublich freut. Ältere Leute, die total fassungslos nach deiner weißen Haut langen und sie kneifen, sind zwar etwas gewöhnungsbedürftig aber ansonsten fühlt man sich schon voll und ganz willkommen.
Am nächsten morgen, wir waren gerade auf dem Weg zum Hafen, fiel uns dass auf der am Tag zuvor noch stark befahrenen am Ufer entlang führenden Straße kein einziges Auto und auch kein einziges Moped mehr zu sehen war. Stattdessen war die Straße gesäumt mit mit Menschen allen Altersklassen, die ganz offensichtlich auf irgendetwas warteten.
Kurz darauf erfuhren wir dann den Grund. Genau an diesem Tag fand in Tanjung Pinang die Parade zur indonesischen Unabhängigkeit statt. Und was für eine Parade! Eigentlich wollten wir ja schnell zum Hafen und waren extra früh aufgestanden aber diese Parade war es definitiv Wert Pläne zu durchkreuzen.
Tanjung Pinang ist eine relativ kleine Stadt, die eigentlich kaum den Namen "Stadt" verdient und ist praktisch die einzige größere Siedlung auf der ganzen Inseln (mit Ausnahme einiger touristischer Bereiche im Norden). Aber die Parade hätte sich durchaus auch in einer Großstadt sehen lassen können. Es muss faktisch die ganze Stadt auf den Beinen gewesen sein, es ist eigentlich erstaunlich dass noch welche zum Zuschauen übrig waren. Neben Musikkapellen und vielen Gruppierungen in militärischen Stil gab es unglaublich viele farbenfrohe Gewänder zu bewundern. Kinder, Männer, Frauen, Jugendliche, Senioren... (man beachte das Handy auf dem Bild ;-)). Übrigens waren auch Pfadfinder dabei. Und am Straßenrand dann jede Menge Straßenverkäufer, die Essen, Süßigkeiten und andere Kleinigkeiten lauthals anbieten. Besonders beliebt sind neben gerösteten Bananen und Mais natürlich vor allem Fisch, der direkt aus dem Meer in ein Bananen-stauden-blatt und dann auf den Rost wandert.
Und eine richtig schöne, fröhliche, ausgelassene Stimmung dabei. Da in Tanjung Pinang nur sehr wenige "Westler" zu finden sind, zogen wir jedoch als Zuschauer fast ebensoviele Blicke auf uns wie manche Teile der Parade ;-).
Schließlich ging’s in einer recht abenteuerlichen Fahrt in einem kleinen Fischerboot (natürlich nicht ohne vorheriges aushandeln des Preises, was etwas erschwert ist wenn man die Sprache nicht kann und die Währung eine so starke Inflation durchgemacht hat dass die Finger zum zeigen nicht ausreichen, 1€ = 10 000 Rupia) nach Pulau Penyengat, eine kleine Insel vor der Küste Pulau Bintan’s. Es war eine Zeitreise in die Vergangenheit.
Das Ufer ist gesäumt von Holzhütten, die auf Stelzen ins Meer hinaus gebaut sind, der traditionelle Baustil der Gegend. Im Inland befindet sich jede Menge Regenwald, zwei beeindruckende Moscheen, ein muslimisches Gemeindehaus und das Grab eines Sultans und ein chinesischer Tempel. Das ziemlich verregnete Wetter verhinderte den Postkarten-Himmel auf Fotos, war aber ansonsten nicht so dramatisch, es war ja warm. Der Versuch, in einem der Tante-Emma-Läden auf der Insel einen Regenschirm zu erwerben, scheiterte kläglich…
Am Nachmittag fuhren wir an die Ostküste Bintans (mangels öffentlicher Verkehrsmittel per Taxi, ca 3€ pro Person für etwa eine Stunde Fahrt ;-)). An der Ostküste hat man dann erst mal das Gefühl jetzt auch noch den letzten Rest Zivilisation hinter sich gelassen zu haben. Größerer Ortschaften gibt es nicht, an der Küste gibt es einige kleine Dörfer und einige Bleiben für Reisende. Der Rest in Natur – traumhafte Sandstrände mit Kokosnusspalmen (definitiv kein importierter Sand wie auf Sentosa!), warmes, kristallklares Meer, unbewohnte Inseln vor der Küste… Unsere Bleibe dort war ein auf Stelzen gebautes Holzhaus direkt am Strand. Hier ein Bild davon und der Blick aus dem Fenster...
Eine Adresse die man sich für die Zukunft also vielleicht merken sollte, auch wenn sie nicht im Lonely Planet steht:
Travellers Lodge Inn
Pondok Wisata / Susy
Trikora 2, KM 42
Tel. 081372876196
Da wir insgesamt zu siebt waren, hatten wir praktisch das ganze Haus für uns. Ein paar Meter landeinwärts stand die Hütte der Familie die diese Bleibe betreute, dort gab es dann auch Mahlzeiten und jederzeit Info und Rat. Am Abend trafen wir dann bei einem Strandspaziergang noch auf eine Gruppe von etwa 20 Briten von der NUS (meine Uni hier) die lustige Trinkspiele veranstalteten…
Sonntag Vormittag ging’s dann auf eine der unbewohnten Inseln vor der Küste (Berelas Pasir), nachdem Peter (ein Pole aus unserer Gruppe, dem dass ständige Handeln inzwischen richtig Spaß macht) es geschafft hatte uns einen Boottrip dorthin (und zurück) für etwa 3€ pro Person zu organisieren (aber das war nur unter der Bedingung dass wir es nicht den Briten weitererzählen dass wir die Tour so günstig bekommen haben). Die Insel war dann auch absolut genial.
Unbewohnt, traumhafte Sandstrände, das Meer zum schwimmen, rumalbern und schnorcheln…. Da habe ich mir übrigens auch meinen Sonnenbrand geholt. Die Bootsfahrt war an sich schon ein Erlebnis wert. Das Boot war nicht viel mehr als eine Nussschale mit einem Motor außen drangeklebt, mit nicht genug Bänken für uns alle zum hinsetzen, jede Menge Wasser unten drin und jede Menge mehr das während der Fahrt reingeschwappt ist. Insgesamt sind wir ordentlich nass geworden während der Fahrt – aber das war eine willkommene Abkühlung nachdem vom Regenwetter des vergangenen Tages keine Spur mehr übrig geblieben war. Strahlend blauer Himmel.
Am Nachmittag fuhren dann einige Leute, die der Meinung waren, sie müssten am Montag in die Uni, wieder ab und ich blieb mit Peter und Michael (der auch schon in Doha dabei war) noch dort. Auf dem Rückweg von einem langen Strandspaziergang kamen wir durch ein kleines Dorf. Auch hier wurden wir herzlichst begrüßt. Einige Leute kamen durch das halbe Dorf gelaufen, nur um uns die Hand zu schütteln: „Hello Mister, Hello Miss“. Da wir inzwischen ein „Selamat sore!“ erwidern konnten ernteten wir sehr glückliche Gesichter, sehr viel Lob für unsere Aussprache und wurden überhäuft mit indonesischen Wörtern die wir noch gebrauchen könnten. Schließlich, nachdem wir noch in einem total genialen Tante-Emma-Laden der vielleicht 10qm groß war aber absolut alles hatte, noch indonesische Süßigkeiten für ein paar Cent (oder ein paar tausend Rupia) gekauft hatten: „Salamat Jalan!“ – Gute Reise. Und dazu vermutlich sämtliche Kinder aus dem ganzen Dorf die uns zuwinkten, als wir das Dorf verließen.
Motiviert von diesem Erlebnis verbrachten Peter und ich den ganzen Abend damit von den Wirtsleuten („Boss“ und „Miss Anni“, s.Bild oben) noch mehr indonesische Wörter zu lernen – und ihnen im Gegenzug etwas Englisch beizubringen. Das Resultat ist dass ich jetzt bis 1 Million zählen kann (bitter nötig bei dieser seltsamen Währung und in einem Land in dem man eigentlich IMMER handeln muss wenn man etwas haben möchte) und auch sonst noch einige Redewendungen dazugelernt habe. Das erstaunliche daran ist, dass ich sie sogar noch heute, gut eine Woche später, immer noch weiß. Praktisch ist auch, dass das Indonesische dem Malayischen sehr ähnlich ist – kann man also das eine wird man auch in dem anderen Land verstanden. Sehr praktisch. Außerdem haben wir auch einiges über die Geschichte und Kultur Indonesiens gelernt. Viel mehr als ich jetzt hier aufschreiben kann, und unglaublich interessant. Es ist faszinierend mit wie wenig Wörtern man doch komplexe Zusammenhänge erklären kann. Z.B. Zitat vom „Boss“: „We muslim. No Osama bin Laden“. Unglaublich einfach aber unglaublich aussagestark, vor allem in einem Land, dessen Tourismusindustrie gerade in den Anfängen erstickt, wegen Tsunami und Islamaphobia. Außerdem habe ich jetzt eine ganze Liste von Inseln und Orten in Indonesien die ich noch besuchen willen. Zum Beispiel eine Insel östlich von Java, wo die „Komodo Dragons“ heimisch sind – Urechsen die gut 100 Kilo schwer werden können. Dagegen gibt es auch Orte wo man lieber nicht hinsollte – z.B. weil dort Kannibalismus praktiziert wird. Aber bei einem Land dieser Größe, mit über 13000 Inseln die teilweise sehr isoliert von der Außenwelt leben, ist es nur natürlich dass man sehr, sehr verschiedene Landschaften, Vegetation, Tierwelten und Kulturen findet.
Am Montag machten wir schließlich noch eine Fahrradtour ins Binnenland und fanden uns schon nach wenigen Metern mal wieder in einer komplett anderen Welt wieder. Rote Sandwege führen durch Buschland, weite offene Grasflächen und Seenlandschaften mit unglaublichen kristall-klaren Wasser.
Menschen trifft hier kaum, hin und wieder ein Süßwasserfischer auf dem Moped auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte. Wo die Vegetationsdecke fehlt, sieht sofort die Spuren von unglaublich starker Erosion. Der rote Sandboden hat den für die Gegend üblichen Regenfällen nicht viel entgegenzusetzen.
Alles in allem eine wunderschöne, wilde Landschaft und sehr anders als alles, was ich bisher gesehen habe.
Schließlich jedoch: „Salamat tinggal“ („Tschüß“ wenn man selber geht) . Selamat tingal zu Boss und Miss Anni, zu unserem Holzhaus, zu den Kindern vom Dorf, zu Pulau Bintan und zu Indonesien. Garantiert ein Land das ich noch öfters besuchen werde.
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