Inzwischen kann ich auch wirklich etwas zu meinen Vorlesungen sagen. Das wäre noch vor zwei Wochen sehr schwierig gewesen, weil mein Stundenplan erst seit Anfang dieser Woche endgültig (hoffe ich zumindest) feststeht. Der Grund dafür ist, dass ich mich an Anfang relativ schwer getan habe (das ist eigentlich eine grobe Untertreibung), halbwegs passende Vorlesungen zu finden. Die einzige Vorlesung, bei der halbwegs realistische Chancen bestehen, dass ich sie daheim in München anrechnen lassen kann, ist eine „nichtphysikalische“ Vorlesung. Ich habe einige Vorlesungen aus der Mathematik und Informatik Fakultät ausprobiert und war teilweise wirklich geschockt von dem (nicht existenten) Niveau: In einer Vorlesung für Mathematikstudenten im zweiten Jahr wurde in der zweiten Woche das Runden eingeführt (ab 5 rundet man auf, bis 4 ab – aber das hat etwa 20 Minuten zum Erklären gedauert, weil man muss es ja für jede Nachkommastelle extra erklären und dann noch 20 Beispiele bringen) und in der dritten Woche dann Matrizen eingeführt. In einer Mathevorlesung für Studenten im dritten Jahr wurde dann immerhin schon phänomenologisch durch Beweis durch Bild am Beispiel die Integration eingeführt, für die hochgradige komplizierte Funktion y = x². Alles Stoff also, der an der TU bei Studienbegin vorausgesetzt wird. Am Ende habe ich dann aber doch eine Mathevorlesung gefunden mit der ich ganz zufrieden bin. „Mathematical Modelling“ nennt sie sich, ist mathematisch definitiv nicht sehr anspruchsvoll aber man braucht etwas gesunden Menschenverstand und ich übe dabei etwas programmieren. Da ich hoffe die Note einbringen zu können, mache ich auch brav die Tutorials (und die sind ganz schön zeitaufwendig und manchmal nervenaufreibend ) und werde auch die Prüfung mitschreiben. Allerdings ist die Uhrzeit dieser Vorlesung etwas gewöhnungsbedürftig - Freitag abend, 19 - 22 Uhr!
Ansonsten höre ich noch eine Physikvorlesung, „Quantum Optics“. Die gefällt mir richtig gut und kann vom Niveau her locker mit den Spezialvorlesungen die ich von der TU her kenne mithalten. Ist tendenziell eher eine theoretische Vorlesung aber mit verblüffenden experimentellen Beispielen und Andwendungen, wie Quantenkryptographie und Quantenteleportation. Aber auch in der Physikfakultät musste ich lange suchen und habe de facto alle viert und fünft-Jahresvorlesungen abgeklappert, die auch nur halbwegs interessant klangen. (Darunter eine fünft-Jahres-Vorlesung in Spintroniks wo ich gelernt habe dass das Elektron in einer Kreisbahn um den Kern fliegt. Als Tatsache. Kein Wort von Modell. Wenn man in einer Spintronikvorlesung im letzten Studienjahr den Spin nicht quantenmechanisch behandelt - …! Naja, wer mal mit mir in einer Vorlesung gesessen hat kann sich denken was ich davon gehalten habe ;-).)
Das dritte Modul das ich hier belegt habe, ist gar keine Vorlesung sondern ein Forschungsprojekt am „Center for Quantum Technology“ (Bild oben) in der „Interdisziplinary Theory Group“. Ein explizites Thema kann ich noch nicht beim Namen nennen, weil in der Forschung manchmal schwer vorhersehbar ist, was am Ende rauskommt wenn man sich mit bestimmten Fragestellungen beschäftigt. Im Übrigen bin ich im Großen und Ganzen auch noch in der Einarbeitungsphase. Ganz grob gesagt geht es aber darum, bestimmte verschränkte Mehrteilchen Quantenzustände genauer untersuchen um herauszufinden in wie weit sie sich als Grundlage für Berechnungen mit Quantencomputern (nein, die gibt’s noch nicht – ansonsten wär ich hier auch arbeitslos) eignen. Ist bisher alles mit Bleistift und Papier und ist wahnsinnig interessant. Ist ziemlich zeitaufwendig (aber das hab ich mir wohl selber so ausgesucht) aber macht mir richtig viel Spaß. Und ich hab hier ein Büro .
Gibt natürlich Hochs und Tiefs, je nachdem die Rechnungen gerade erfolgsversprechend laufen oder ich an einem Paper verzweifele. Der Prof der mich hier betreut hat es so formuliert: „You never know in advance if your research is going to be successful, actually most of the time we fail – but in the worst case you’ll have learned a lot.“ Und das habe ich jetzt schon. Das “Center for Quantum Technology” wurde vor etwa einem Jahr gegründet, in der ersten Runde einer “Exellenzintiative” der singapurianischen Regierung (klingt irgendwie bekannt…). Die Leute die sich das Konzept ausgedacht hatten bekamen 1,5 Mio S$ in die Hand gedrückt mit der Auflage, es über die kommenden fünf Jahre in Forschung zu investieren. Das Ergebnis sind jede Menge sehr gute Leute aus der ganzen Welt die jetzt hier im CQT sitzen und sich zum ersten Mal in ihrer Karriere nicht mehr jammern dürfen dass sie kein Geld zum Forschen haben. Heute Vormittag hat zum Beispiel ein Mitarbeiter des MPQ’s in Garching hier einen Vortrag gehalten ;-).
Das war’s dann auch schon an Vorlesungen die ich hier höre. Drei Module hört sich auf den ersten Blick nicht viel an aber die Veranstalten hier an der NUS neigen dazu in recht viel (und teilweise nur begrenzt sinnvolle) Arbeit auszuarten. Die Locals hier haben teilweise bis zu sieben modules – irgendwie schon nachvollziehbar dass da das meiste ziemlich oberflächlich bleibt. Es ist mir trotzdem ein Rätsel wie sie den ganzen Lesestoff und die Tutorials bewältigen – selbst wenn sie jedes Wochenende studieren (und nicht in der Weltgeschichte herumreisen), die ganze Nacht hindurch lesen und dann in der Vorlesung schlafen. (Die Lehrbücher hier kann nur für zwei Stunden(!) aus der Bücherei ausleihen – es sei denn man geht abend nach 20:00 hin (Bib schließt um 22:00 Uhr), dann kann man das Buch bis um 8 Uhr morgens am nächten Tag behalten….)
Die Tutorials sind hier auch so eine Geschichte. Alle Tutorials die ich besucht habe, waren richtig kleine Gruppen und vom Prof selber gehalten (sprich der hält dann neben der Vorlesung tatsächlich fünf mal Tutorübung die Woche!). Versprach also an sich sehr interessant zu werden. War's dann auch, aber anders als erwartet. In einer Übung legte der Prof einfach eine Folie mit den fertigen Lösungen auf, las dan eine halbe Stunde lang einfach von der Folie ab und schickte uns dann heim. In einer anderen Übung sollten wir dann zwar selber vorrechnen, aber 5 Leute gleichzeitig an verschieden Teilen der Tafel (teilweise die gleich Aufgabe, teilweise eine andere Teilfaufgabe). Erklären kann man dabei offensichtlich nichts, aber darum scheint es auch irgendwie nicht zu gehen. Es schreibt auch keiner mit (ginge auch schwer wenn 5 Leute gleichtzeitig anschreiben), Musterlösungen sind ja dann eh online. Aber der Prof sieht dass man's gemacht hat und man bekommt Punkte die am Ende in die Endnote einfließen. Ein Tutorial habe ich, dass vom Prinzip her so ähnlich abläuft wie ich es von der TU er kenne. Allerdings ist es dort dann so, dass einige der Locals völlig überfordert sind wenn sie an der Tafel erklären sollen was sie da gerade machen. Kein Wunder wenn sie es bisher quasi noch nie machen mussten. Es gibt also einiges, was mir hier besser gefällt als an der TU (z.B. das aktive Campusleben), aber Tutorübungen gehören bestimmt nicht dazu!
Der Campus hier besteht aber nicht nur aus CQT, Bibliotheken und Vorlesungssälen, sondern beherbergt eigentlich fast alles was man zum Leben braucht. Wenn einen die Neugierde und Reiselust nicht dazu bringt die restliche Insel und die Nachbarländer zu erkunden, dann kann man es durchaus schaffen das ganze Semester über den Campus nicht zu verlassen. Und es gibt genug Studenten die das so machen. Neben zahlreichen Kantinen (neben den üblichen Foodcourts auch Subway und MacDonalds) und Ständen die „Fresh Fruit Juice“ verkaufen gibt eine Post, ein Freibad, einen Elektronikladen, einen Supermarkt, zwei Buchläden, mehrere Schreibwarenläden, eine Sportanlage mit Stadion, Tennisfeldern, Tischtennisplatten, Badmingtonfeldern, Turnhallen, etc., eine Kletterhalle, mehrere Fitnessstudios, zahlreiche Auftenthaltsräume,…. Und das sind nur die Sachen die ich schon gefunden habe und die mir gerade einfallen. Nachdem die Locals hier für aktive Beteiligung in einem NUS – Club CCA-Punkte bekommen, die sie dann einsetzten können um in bestimmte Vorlesungen rein zu kommen oder um auf dem Campus wohnen zu dürfen, gibt es hier für fast alles einen eigenen Club. Das reicht von Sportclubs über Debating-Clubs und Tanz-Clubs bis hin zu Naturschutz-Clubs und dem Diving-Club, bei dem ich gerade meinen Tauchschein mache. (Das ganze sorgt für ein sehr aktives Campusleben, Studenten studieren hier nicht nur sondern sie leben hier. Das schafft einerseits eine tolle Atmosphäre, andererseits sind die Locals teilweise so beschäftigt damit CCA-Punkte zu sammeln und zu studieren, das nicht mehr viel Zeit zum übrigen Leben bleibt.) Und natürlich braucht jeder Club seinen eigenen Raum mit spezieller Ausstattung weswegen es also noch eine ganze Menge mehr Räumlichkeiten gibt die ich noch nicht kennengelernt habe. Ein internes (kostenloses) Bussystem sorgt dafür, dass man auch alle diese Räumlichkeiten gut erreichen kann. Denn in Singapur sind hundert Meter schon „very far“.
Trotzdem bleibt man auf dem Campus fit, denn der Campus ist auf dem einzigen Hügel der ganzen Stadt gebaut. Insofern ist es fast unmöglich sich ebenerdig fortzubewegen und obwohl es viele Lifte gibt – es gibt noch viel, viel mehr Treppen. Manche Stockwerke lassen sich auch per Lift gar nicht erreichen, sondern nur per Treppe. Aber das hat gedauert bis ich das rausgefunden habe… es gibt in der Physik die Stockwerke 1 – 4 und M. M steht für Medium (obwohl Mysterious passender wäre) und befindet sich zwischen Stockwerk 1 und 2. Natürlich gibt es auf dem Bedienungsfeld des Liftes nur die Zahlen 1 bis 4. Und natürlich befinden sich in dem M-Stockwerk nur so unwichtige Dinge wie das „General Office“, das für sämtliche Studentenangelegenheiten der Physik zuständig ist! Und wenn man es mal schafft einen ganzen Block langzulaufen ohne eine Treppe, Rampe oder Lift zu benutzen dann muss man feststellen, dass sich die Stockwerksnummer meist trotzdem geändert hat. Das erschwert das Auffinden von Büros und Hörsälen beträchtlich und den kürzesten Weg von A nach B zu finden ist so gut wie unmöglich. Allein die Architektur auf dem Campus sorgt also schon dafür, dass hier kein Tag wie der andere ist.
Auch mein Wohnheim, Prince George’s Park (PGP), liegt auf dem Campus. Hier wohnen etwa 3000 Studenten in 15-er WG’s, wobei der Begriff „WG“ dazu schon recht arg gedehnt werden muss. Es gibt zwar eine recht große Küche in jeder WG, aber da Essen gehen deutlich billiger ist als selber kochen wird diese kaum genutzt. Somit trifft man seine Mitbewohner meist nur im Lift oder kurz auf dem Flur, ich bin mir immer noch nicht ganz sicher ob ich wirklich alle meine „Mitbewohner“ schon gesehen habe. Aber dafür kenne ich sonst quer durch die verschieden WG’s und Wohnblöcke schon richtig viele Leute, so dass man sich meist per sms zum Abendessen verabredet (ich hab hier glaub ich schon mehr sms geschrieben als in meinem ganzen bisherigen Leben) und einfach in die Kantine geht und sich eigentlich drauf verlassen kann dass man da Leute findet die man kennt. Ansonsten lernt man eben neue kennen ;-).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen