„Wild and unpredictable“ – so beschreibt Lonely Planet sehr treffend die zweitgrößte Insel Indonesiens, die sich über 2000 Kilometer quer zum Äquator erstreckt. West Sumatra, eine Provinz mit atemberaubend schöner, größtenteils unberührter und wilder Landschaft, durchsetzt mit leuchtend grünen Reisfeldern und kleinen Dörfern in denen die Minangkabau People in Häusern leben, die an Büffel erinnern sollen - und voller Überraschungen. Gerade eben saß man noch im Flieger aus Singapur, doch plötzlich wandert man mitten in der Nacht mit neuen indonesischen Freunden durch den Dschungel um zum nächsten Dorf zu kommen, hat eine Einladung bei einer indonesischen Familie in einem kleinem Dorf zu übernachten, wandert durch wunderschöne Landschaft um Bonjol, in der heiße Quellen und die noch deutlich zu sehenden Spuren den 2007 – Erdbebens einen ständig daran erinnern, das Sumatra’s Innenleben nie tief schläft, fährt auf einem Motorrad durch die Nacht oder ist auf der Flucht vor aufdringlichen Polizisten in Padang.
Kaum zu glauben was man alles in drei Tagen erleben kann, und das war nur die Kurzfassung. Samstagmorgen landete der Flieger aus Singapur in Padang an der Westküste Sumatras, Provinz West Sumatra, Heimat der Minangkabau. Nach kurzem Zwischenstopp in Padang fuhren Maren (studiert auch an der NUS) und ich weiter nach Bukittinggi, eine Stadt knapp 1000 Meter über dem Meeresspiegel, umgeben von drei mehr oder weniger aktiven Vulkanen. Kaum hatten wir einen Fuß aus dem Bus gesetzt waren wir umgeben von einer Horde Locals, die uns eine Taxifahrt nach sonstwo anbieten wollen, und die unnützlichsten Dinge der Welt verkaufen wollten oder einfach mal Hallo sagen wollten – willkommen in Indonesien. Die Orientierung gestaltete sich zunächst etwas schwierig, zum einen da wir uns über den Straßenlärm und den Rufen der Locals hinweg kaum verständigen konnten und zum anderen weil Straßenschilder so wie wir sie kennen dort unbekannt sind. Wir hatten zwar eine Karte von der Stadt und jede Menge Locals die helfen wollten, die aber wiederum mit dem Konzept „Stadtkarte“ nicht vertraut waren. Englisch ist ebenfalls größtenteils unbekannt aber das alles ist kein wirkliches Problem weil die Leute alles stehen und liegen lassen um einen den Weg zu zeigen – und wenn sie einen dafür eine halbe Stunde begleiten. Im Zweifelsfall ist die Stadt auch noch voll mit „opolets“, kleinen Minibussen in die beliebig viele Leute reinpassen und die mehr oder weniger feste Routen abfahren.
Hat man sich jedoch nach einiger Zeit an das Verkehrschaos, die ständigen „Hello Miss!“, „foto – foto!“, „Where you go?“, „How are you?“ – Rufe gewöhnt (und hat kapiert das solche Rufe nicht bedeuten das jemand auch nur ein Wort mehr Englisch kann) ist Bukittinggi eine wirklich schöne Stadt.
Auch gab es einige wirklich schöne Stadteile etwas abseits von den Hauptstraßen, tolle Moscheen und herrlichen Blick auf die umliegenden Berge. Wir haben den ganzen Tag über nur einen weiteren „Westerner“ getroffen, entsprechend groß war das Aufsehen das wir erregten und ich hatte wirklich das Gefühl das jeder zweite Mensch in dieser Stadt uns entweder was verkaufen wollte oder sich mit uns unterhalten wollte – oder ein foto oder unsere Handynummern wollte. Sowieso ist diese Stadt absolut foto-verrückt das hab ich ja noch nie erlebt. Normalerweise bin ich ja eher vorsichtig mit Fotos von Einheimischen bei ihrem alltäglichen Leben, egal wie toll das Motiv ist, bin ja nicht im Zoo oder so was. Aber hier, kaum hab ich meine Kamera in der Hand, kommt ein Haufen Kinder auf mich zugestürmt „foto – foto!“ und dann werfen sie sich in Pose. Aber nicht nur Kinder, auch Jugendliche und Händler auf dem Markt. Und hat man dann ein Foto gemacht ist der Damm gebrochen und alle wollen mal drauf und man kann froh sein wenn man weiter kommt und die Speicherkarte noch nicht voll ist ;-).
Bukittinggi ist eine Stadt die selbst für indonesische Verhältnisse etwas unüblich auf Touristen reagiert. Vor ein paar Jahren war es noch eine von Touristen relativ häufig besuchte Stadt bis Schreckensmeldungen aus Sumatra wie Tsunami 2004 und das Erdbeben 2007 ein recht plötzliches Austrocken dieser Einkommensquelle verursachten. Insofern freuen sich die Leute einerseits mal wieder Touristen zu sehen, andererseits steht auch etwas die Frage im Raum „wo seid ihr so lang geblieben etc.?“ und die Leute wissen durchaus das Touristen über deutlich mehr Geld verfügen als der durchschnittliche Indonesier und nur sehr schwer einschätzen können wie viel hier was kosten sollte. Wenn man nicht wirklich aufpasst wird man schon sehr schnell und sehr skrupellos über’s Ohr gehauen.
Am Abend liefen wir noch zum Panorama Park, ein Park am Rande der Stadt von dem aus man einen wunderschönen Blick auf den „Canyon“ hat, eine Schlucht die Bukittinggi vom nächsten Dorf trennt und wo abends richtig viele (und auch richtig große) Fledermäuse unterwegs sind. Dort trafen wir dann Billy (der Name steht tatsächlich in seinem Pass, auch wenn er nicht sehr indonesisch klingt) und Tommy (eigentlich Fatomy), die an sich studieren (bzw. Tommy geht noch zur Schule) aber in ihrer Freizeit sich etwas Geld damit verdienen dass sie Touris durch den Park führen. Nachdem wir uns eine Weile lang unterhalten hatten, boten sie uns an uns zu einem Dorf auf der anderen Seite des Canyons zu bringen, das berühmt ist für seine Silberschmieden. So kamen wir zu unserer Nacht-Dschungelwanderung. Runter in den Canyon war noch relativ harmlos auf einem gutem Weg, durch den Canyon durch bei den Lichtverhältnissen und den fehlenden Planken in der Brücke war interessant und er Aufstieg auf der anderen Seite schon etwas abenteuerlich. Im Dorf angekommen wusste Billy an welche Türen er klopfen musste damit wir, obwohl es schon recht spät war, noch etwas von den berühmten Silberkunstwerken zu sehen bekamen.
Unterwegs erzählten uns die beiden die Legende der Minankabau. Als Java Ansprüche auf West Sumatra stellte, sollte ein Büffelkampf den Streit entscheiden. Java schickte einen riesigen Büffel in die Arena, die Minankabau ein junges Büffelkalb mit angespitzten Hörnern. Das Kalb hielt den großen Büffeln für seine Mutter, lief hin um Milch zu bekommen und schlitzte mit seinen Hörnern dem großen Büffel den Bauch auf, so dass die Minankabau den Kampf gewannen. Klein aber fein, sind also die Minankabau (wörtlich: „Der Büffel gewinnt!“) und sie bauen vorzugsweise Häuser wo beide Giebel extrem nach oben gezogen sind – wie die Hörner eines Büffels.
Zurück wollten wir eigentlich per Bus fahren, aber der opolet-Fahrer, der uns natürlich sofort als Touristen erkannte und zurecht davon ausging das wir natürlich die Fahrt für Billy und Tommy mit bezahlen würden, verlangte einen völlig überteuerten Preis, was sich Billy überhaupt nicht bieten lassen wollte. Also liefen wir zu Fuß zum nächsten Dorf und dann von dort aus per Motorrad zurück nach Bukittinggi. Tja, mit Locals dabei funktioniert das natürlich, die wissen schon an welchen Straßenecken junge Männer mit ihren Motorrädern nur darauf warten sich etwas dazu zu verdienen indem sie ein paar Leute hintendrauf bis zum nächsten Ort mitnehmen. Schutzkleidung ist generell unbekannt und für solche kurzen Strecken auch Helme. Aber im Vergleich zu Deutschland fahren die Mopeds unglaublich langsam und trotz (oder gerade wegen) der fehlenden Verkehrsregeln, des ganzen Gehupes und drunter und drüber auf den Straßen fahren die Leute extrem langsam und rücksichtsvoll. In Bukittinggi gingen wir noch gemeinsam Essen und am Ende des Abends hatten wir eine Einladung, am nächsten Morgen mit zu Billy’s Familie (zwei Stunden Busfahrt) zu fahren, wo er uns einen Wasserfall und heiße Quellen zeigen wollten bevor wir dann die Nacht bei seiner Familie verbringen durften. Also eigentlich genau das was wir wollten, bloß nicht als Touri-Komplett-Paket vom Hotel für Touri-Preis sondern von Locals, die hinterher ein kleines „Trinkgeld“ erwarten.
Da wir den Panorama Park unbedingt nochmal bei Tageslicht sehen wollten, trafen wir uns am nächsten Morgen wieder am Park, der nicht auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen war. Waren wir gestern noch die einzigen Gäste, so war das Aussichtsplateau an diesem Sonntag vollgepackt mit Souvenirläden. Waren am Abend davor noch Fledermäuse (fruit bats) noch die Hauptdarsteller so gehörte die Show am Tag den Affen, die nicht nur in den Bambus-Sträuchern saßen sondern auch direkt auf dem Aussichtsplateau saßen und es ausgezeichnet verstanden sich absolut perfekt vor der Postkarten Landschaft zu positionieren. Ich hatte fast das Gefühl die genossen es fotografiert zu werden - würde mich in dieser foto-verrückten Stadt ja nicht wundern. Bevor wir nach Bonjol aufbrachen zeigten uns Tommy und Billy noch die „japanese caves“ im Parkgelände, ein gigantisches Tunnelsystem das die Japaner mit Hilfe von indonesischen Zwangsarbeitern im zweiten Weltkrieg angelegt haben. Inklusive einer Kammer wo Indonesier, die nicht mehr arbeiten konnten / wollten hingerichtet wurden. Die Leichen wurden dann von dort aus in einen Schacht geschoben, der in einer großen unterirdischen Kammer endet. Und dort liegen sie noch heute und niemand weiß genau wie viele es sind…
Der Bus nach Bonjol war auch ein Erlebnis. Er brauchte etwa eine Stunde um aus dem Busterminal, das gleichzeitig irgendwie Marktplatz war, herauszukommen. Teils wegen der ganzen Busse, Marktstände und Tricycle- Fahrer, teils weil ständig irgendwelche Händler oder Gitarristen an Board kamen. Und in so in etwa ging es weiter bis wir aus Bukittinggi raus waren. Die Gitarristen fuhren auch gerne mal einen Kilometer mit, gaben „Bus songs“ zum besten um dann um eine Spende zu bitten. Manchmal hielt der Bus auch vor irgendwelchen kleinen Läden (wo Freunde des Fahrers wohnten) damit man sich was zu essen kaufen konnte und manchmal warteten wir auch eine halbe Stunde auf irgendwen. Als wir aus Bukittinggi draußen waren wurden solche Stopps seltener, aber kamen trotzdem immer mal wieder mal vor. Außerdem konnte man durch Klatschen oder durch Klopfen an die Decke den Bus jederzeit zum Anhalten bringen. So hatten wir während der Busfahrt genügend Zeit um unsere Indonesisch Kenntnisse zu verbessern und um Billy und Tommy (die ursprünglich gesagt hatten sie wären Brüder) über ihrer genau Verwandschaftsbeziehung auszufragen. Das gestaltete sich irgendwie ziemlich verwirrend, das Ergebnis war das die „Mum“ zu der wir gerade fuhren weder Tommy’s noch Billy’s Mutter war, aber das ihr Mann Billy’s Vater war. Eigentlich dachten wir auch er wäre Tommy’s Vater, aber als wir ihn später trafen und fragten stellte sich heraus dass er das nicht war. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher das die beiden gar nicht Brüder sind in dem Sinne wie wir das kennen, sondern man in West Sumatra einfach jeden mit „Uda“ für Bruder oder „Uni“ für Schwester anreden kann.
In Bonjol angekommen lernten wir erst mal Billy’s Famile (Vater, Stiefmutter, zwei Halbschwestern, Oma und Onkel – glaub ich) kennen die in einem sehr einfachen aber hübschen Haus mitten zwischen Reisfeldern mit einem Fischteich vor der Tür leben , quasi direkt auf dem Äquator. Von Billy’s Haustür sind es etwa 100 Meter bis zu der Stelle wo eine Linie auf die Straße gemalt ist – der Äquator.
Nachdem wir das obligatorische „über-den-Äquator-hüpfen“ erledigt hatten (hab den noch nie per Fuß überquert) machten wir uns auf zum besagten Wasserfall, wo Billy selber erst vier mal zuvor gewesen war. Der Weg führte zunächst durch Reisfelder, vorbei an kleinen und größeren Flüssen, wilden Kokosnuss Palmen, Kakao-Bäumen und Duriam Bäumen den Berghang hinauf. Teilweise war das Wasser in den Flüssen richtig warm, da sie teilweise von heißen Quellen gespeist werden. Bald schon war das Wort „Weg“ übertrieben, aus einem gut ausgetreten Weg den die Reisbauern nutzen wurde ein Trampelpfad und schließlich ein Flussbett.
Im Hintergrund sah man die Berge / Vulkane aufragen und davor diese unglaublich grünen Reisfelder. Ich glaube die Definition der Farbe Grün ist ein Reisfeld in Bonjol, egal wie gut die Kamera und egal wie toll der Computer-Bildschirm eingestellt ist – dieses Grün ist einfach nicht in der Farbpalette. Ganz bis zum Wasserfall kamen wir nicht hoch, Billy war seit dem Erdbeben nicht mehr da gewesen und es stellte sich heraus dass ein riesiger Steinbrocken den Weg versperrte. (Keine Frage das Billy da mit seinen Flip-Flops im Nu oben gewesen wäre, aber für uns wär das vermutlich nicht so eine gute Idee gewesen.) Aber die unglaubliche Landschaft entschädigte alles. „Sangat indah – very beautiful!“ Auf dem Rückweg führte uns Billy noch zu einer heißen Quelle, die zwar nicht mehr so blubberte wie vor dem Erdbeben aber die noch definitiv zu warm zum Baden wäre. Zurück in Bonjol musste den Tommy den Bus nach Bukittinggi nehmen, da er am Montag Schule hatte, und in der Hektik des Abschieds kamen wir noch nicht mal dazu im Geld für die Rückfahrt zuzustecken . Dafür haben wir seine Email-adresse so dass wir uns zumindest nochmal anständig bedanken können.
Als nächstes „mieteten“ wir uns in Bonjol ein Motorrad, was so lief das Billy einen „Freund“ fragte ob er sich sein Motorrad (was „zufällig“ sogar ein ziemlich schickes war) ausleihen könnte – für 20 000 Rupia (ca. 2 €) hatten wir ein Motorrad auf das man ganz gut zu dritt drauf passte. Der erste Stopp war ein Bad in einem Fluss, was nach der Kletterei vom Nachmittag wirklich gut tat. Nach einem Abendessen in Bonjol stieß noch Sony zu uns (ein weitere „Freund“ / „ Bruder“) so dass wir zwei Motorräder hatten. Das Sony’s Motorrad kein Licht hatte fand ich spätestens als es dunkel wurde etwas bedenklich, aber er war bei weitem nicht der einzige der ohne Licht unterwegs war, entsprechend vorsichtig fahren auch die Leute dort. An dem Abend fuhren wir noch zu einem Fluss wo gigantische Fische schwammen (von denen wir allerdings nicht so furchtbar viele sahen weil es inzwischen wirklich Nacht war, obwohl die Locals versuchten sie mit Erdnüssen (?!) anzufüttern). Diese Fische sind an sich von einer essbaren Sorte, allerdings stirbt angeblich jeder der so einen Fisch ist – wobei es wohl schon langer keiner mehr ausprobiert hat. Wir wollten da aber auch nicht ersten sein… Außerdem zeigten sie uns an dem Abend noch Reste einer Kanone aus dem zweiten Weltkrieg (da hat man doch nicht mehr mit Kanonen geschossen…?) und noch ein heiße Quelle, die dieses Mal aber auch wirklich als Badehaus genutzt wurde.
Als wir schließlich wieder bei Billy’s Haus ankamen war dort auch die ganze Familie zu Hause und es wurde noch ein sehr interessanter Abend an dem wir unsere Indonesisch Kenntnisse weiter verbessern konnten und viel erfuhren über die Lebensgeschichte diverser Verwandter, aber auch über das politische System. Indonesien ist eine Demokratie mit etwa 40 Parteien und einer Bevölkerung deren Schulbildung größtenteils gegen Null geht. Der Staat besteht aus über 13 000 Inseln auf denen insgesamt mehrere hundert Sprachen gesprochen werden. Insgesamt also nicht die besten Voraussetzungen für eine handlungsfähige Regierung, weswegen auch die Aussage der anwesenden Wahlberechtigen für die Wahl im kommenden Jahr recht einhellig war: „I don’t vote, it changes nothing“. Interessant war auch eine längere Diskussion über Islam (Sumatra ist muslimisch) und Christentum (und westliche Kultur im Allgemeinen) und darüber ob Tourismus gut oder schlecht für die Leute in Sumatra ist. Vor allem Billy’s Vater hatte da eine sehr gespaltene Meinung, kein Wunder, er hat einen fast Hollywood-fähigen Lebenslauf hinter sich. Nach eigenen Angaben hat er als junger Mann (der studiert hatte) seinen regulären Job geschmissen weil er sich durch das Tourismusgeschäft einfaches Geld erhoffte. Er nannte sich selbst so was wie einen Mafia-boss für Touri-Geschäfte von Bukittinggi, der kontrollierte wer welchen Job anbieten durfte und immer was von dem Geld für sich zurückbehielt. Nachdem er, in seinen Worten, eine ganze Zeit lang alles was er an westlicher Kultur gesehen hat blind kopiert hat und ein Leben gelebt hat, „das nicht seines war“ (und auch für solche Geschäfte 3 Jahre im Knast verbracht hat), hat er sich dann entschlossen damit aufzuhören und sich voll und ganz seiner neuen Familie hier in Bonjol zu widmen. Andererseits bringt die Tourismusindustrie natürlich auch dringend benötigte (legale) Jobs ins Land und ich glaube immer noch dass „vernünftiger“ Tourismus einen ganz wesentlichen Anteil zur Völkerverständigung beiträgt. Allein solche Diskussionen wie an dem Abend sind Gold wert.
Am nächsten morgen fuhren wir auf dem Markt in Bonjol, wo Billy’s Mutter Fisch verkaufte. Wir versuchten auch selber unser Glück als Fischverkäufer, weil Billy die Idee hatte man könnte vielleicht ja das Aufsehen das wir ständig erregen mit unserer weißen Haut auch mal für was Vernünftiges nutzen und so vielleicht die Verkaufsrate in die Höhe treiben. Allerdings waren wir leider nicht sehr erfolgreich beim Fischverkaufen (obwohl unsere Indonesisch Künste dazu sogar inzwischen ausgereicht haben). Dafür fanden wir auf dem Markt einen Stand der superleckeres Frühstück verkaufte: „Martabak“, eine Mischung aus Pfannkuchen und richtigem Kuchen. Schließlich wanderten wir noch kurz einen Hügel in der Nähe hoch, wo ein Denkmal für Indonesier stand, die im Krieg gegen die Dänen gefallen sind und von wo aus man einen tollen Blick auf Bonjol hatte. Danach hieß es auch schon Abschied nehmen von der Familie und ab in den Bus Richtung Padang. In Bukittinggi stieg Billy aus – „Salamat tingal!“ bzw. „Dada“ (oder so ähnlich), wie die Locals umgangssprachlich so sagen pflegen.
In Padang angekommen kamen wir uns schon fast wie Sumatra-Profis vor. Wir schaften es auf Anhieb richtig aus dem Bus auszusteigen, das richtige Gepäck vom Dach runtergeladen zu bekommen, keinen überteuerten Preis zu zahlen, das richtige Opolet zu nehmen und auch dort richtig auszusteigen und den opolet-Fahrer auszulachen als er versuchte uns zu wenig Wechselgeld zurückzugeben. Recht schnell hatten wir eine Bleibe und hatten noch einiges an Zeit um Padang anzuschauen, bevor am nächsten morgen der Flieger zurück nach Singapur ging. Padang ist die Hauptstadt von West Sumatra und eigentlich hat Padang mir richtig gut gefallen, auch wenn die Stadt im Lonely Planet nicht besonders gut wegkommt. Es gibt einen absolut gigantischen, sozusagen unendlich großen Markt wo wieder jede Menge Chili und getrockneter Fisch, aber auch sehr viel Gemüse, Obst und sonstiger Kleinkram verkauft wird. Ich hab meine erste richtige Duriam probiert. Gar nicht so furchtbar wie ich dachte. Ein bisschen wie Kürbis. Eigentlich relativ geschmacksneutral. Und wieder waren die Leute absolut verrückt danach, fotografiert zu werden. Teilweise verläuft der Markt direkt an (auf) einer gar nicht so kleinen Straßen, d.h. der frische Fisch wird direkt geräuchert von den Abgasen, aber das scheint niemanden zu stören. Andererseits, nachdem der durchschnittliche Indonesier in Padang (und auch in Bukittinggi) sowas wie 10 Zigaretten am Tag zu konsumieren scheint ist es vermutlich tatsächlich egal. Auch die Busse in Padang sind sehr interessant. Hauptsächlich möglichst bunt bemalt, drönende Musik an die man noch 2 Straßen weiter hört und immer ein Teenager der sich etwas dazuverdient indem er aus der stehts offenen Bustüre lehnt und lautstark die Route des Busses ausruft und Passanten zum Einsteigen auffordert.
Außerdem hat Padang noch eine tolle Strandpromenade. Und der indische Ozean ist schon etwas anderes als das Meer vor Singapur, das ja fast wellenlos ist weil so geschützt durch die ganzen umliegenden Inseln. Auch der Hafen am Fluss ist am Abend sehr schön, es gibt eine Brücke die über die Flussmündung führt und wo viele Locals den Abend ausklingen lassen – natürlich bei ausreichend vielen Essenständen. Als wir dort saßen wurden wir von einer Gruppe Frauen im mittleren Alter angesprochen, mit denen wir uns dann eine ganze Weile sehr interessant unterhielten – ganz anders als die ständigen „Hello Miss“ – Rufe von den Kindern und Jugendlichen und die schon fast aufdringlichen Verkaufsangebote von den Händlern und Taxifahrern. Ja, auch in Padang trafen wir eigentlich gar keine anderen Touristen und fielen dementsprechend auf. Teilweise kann das richtig anstrengend und sogar manchmal etwas beängstigend sein, aber die meiste Zeit freut man sich drüber und hat Spaß dran. Besonders lustig war es, als Maren auf die Idee kam mit die Locals mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und Leute, die sie mit dem üblichen „Hello Miss – where you go? What your phonenumber?“ begrüßten völlig überschwänglich zurückgrüßte als wäre es ein lang verlorener Freund. Die verdutzten Gesichter waren super! :-D
Sehr interessant war auch die Polizei von Padang. Als wir an einer Polizeistation vorbeigingen kam ein Polizist raus und winkte uns stehenzubleiben. Ich dachte schon wir bekämen vielleicht Ärger weil wir uns nicht an den für Indonesierinnen üblichen Dresscode (lange Hose / Rock, lange Bluse und Kopftuch) hielten. Am Anfang klang es auch etwas so als würde es etwas in die Richtung gehen, nach ausführlicher Begrüßung und den üblichen Fragen (wo kommt ihr her? Wo reist ihr hin? Wie lang seid ihr schon in Sumatra? Habt ihr Familie? Seid ihr verheiratet? Welche Religion?...) warnten sie uns davor allzu spät abseits der gut beleuchteten Straßen herumzulaufen. Dann allerdings wollten sie auch unsere Handynummern haben und unbedingt Foto mit uns machen (hatten natürlich alle so tolle Fotohandys). Wir mussten schon sehr bestimmt sagen dass wir weiter wollten damit wir da wieder wegkamen. Etwa 15 Minuten später, wir liefen gerade die Strandpromenade entlang, hielt plötzlich hupend ein Polizeiauto neben uns und die Polizisten von vorhin fragten uns wo wir hin wollten und forderten uns auf hinten einzusteigen – sie würden und hinfahren. Also irgendwie hatte ich weniger Bedenken mitten im Nichts nachts auf einem Motorrad ohne Licht zu fahren bei einem „Freund“ von Billy hintendrauf als bei diesen komischen Polizisten einzusteigen! Also haben wir sehr bestimmt gesagt dass wir schon alleine klarkommen und haben es danach mit einigen plötzlichen Richtungswechseln auch geschafft die Jungs abzuhängen die uns irgendwie „zufällig“ etwas zu folgen schienen. Nachts in einer indonesischen Stadt auf der Flucht vor der Polizei – habe ich erwähnt das Sumatra voller Überraschungen ist?
Am nächsten morgen dann wieder zurück nach Singapur – am Flughafen schon willkommen geheißen von einer ganzen Reihe Verbotsschilder, überall wieder richtige Mülleimer und in der U-Bahn die Durchsage „If you see any suspicious looking person or article, please inform our staff or press the emergency communication button…“. Willkommen daheim.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen