
Singapur. Eine saubere Stadt. Eine sichere Stadt. Ein junger Stadtstaat mit einer gigantischen Erfolgsstory. Eine internationale Stadt. Der größte Umschlagshafen der Welt. Eine Stadt mit vier Amtssprachen und Einwohner die aus allen Ländern der Welt stammen. Eine Stadt die vor 150 Jahren noch ein Fischerdorf war. Eine Stadt mit drakonischen Strafen für das Importieren von Kaugummi und für das Trinken und Essen in der U-Bahn oder am Bahnhof. Eine Stadt voller Sicherheitsfanatiker. Ein Staat mit Ein-Parteien-System und eine Regierung die die Bevölkerung in jeder Hinsicht bevormundet. Eine Stadt die mit öffentlichen Mitteln Dating-Agenturen für Akademiker fördert. Eine Insel die in den letzten 50 Jahren ihrer Fläche durch Landgewinnungsmaßnahmen um etwa ein Viertel vergrößert hat. Eine Großstadt mit primärem Regenwald im Stadtzentrum. Eine Stadt in der zu Wahlzeiten die Oppositionsveranstaltungen Massen von Anhängern anziehen – welche danach nach Hause gehen und die Regierungspartei wählen. Eine Stadt mit gigantischen Wolkenkratzern im Financial District die wie überdimensionale Pilze zwischen den Essensbuden hervorschießen die bei zweifelhaften Hygienebedingungen tolles billiges Essen zaubern. Eine Stadt in der man für ein Essen alles von 2 S$ bis 500 S$ ausgeben kann. Eine Stadt mit einem Nahverkehrssystem für das es keine Fahrpläne (nur Liniennetze) gibt aber das dem Münchner System um 20 Jahre voraus ist. Eine Stadt in der die (einzige) Zeitung voll von der Regierung kontrolliert wird.

Das alles und noch viel mehr ist Singapur, und alles scheint sich zu widersprechen und passt doch so hervorragend zusammen um das Bild von genau dieser Stadt zu zeichnen. „Uniquely Singapore“ lautet der Wahlspruch der Tourismboards hier und der ist noch sehr viel wahrer als sie das gerne zugeben. Auf den ersten Blick ist Singapur vor allem das was sie auch gezielt nach außen tragen wollen – sauber, sicher und modern. Vor allem im Vergleich mit anderen asiatischen Großstädten. Auf den zweiten Blick findet man einige Verrücktheiten, wo man sich als Außenstehender erst mal an den Kopf greift und dann dem Beispiel der Locals folgt und Witze darüber macht. Die Verrücktheiten und abstrusen Auswüchse irgendeiner Sicherheitsparanoia sind in der Regel mehr oder weniger direkt auf irgendeine Aktion der Regierung zurückzuführen, und dann fragt man sich warum die immer mit 2/3 – Mehrheit wiedergewählt werden bei solchen seltsamen Aktionen und bei der recht offensichtlichen Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Die Antwort auf diese Frage ist nicht, das die Singapurianer nicht gerne etwas mehr Freiheit in vielen Dingen hätten, sondern vielmehr dass sie die (vor allem wirtschaftliche) Stabilität schätzen die dieses System mit sich bringt und dass sie die im Untergrund schwelenden Probleme durchaus sehen und befürchten, dass diese in einem weniger autoritärem System außer Kontrolle geraten könnten. Hinzu kommt natürlich das man als Oppositionspolitiker hier nicht gerade das leichteste Leben führt...

Als eine wirtschaftlich sehr erfolgreiche Großstadt mit allem was dazu gehört kann sich Singapur vom Lebensstandard her inzwischen durchaus mit „westlichen“ Großstädten messen – und ist bzw. wird in Zukunft daher auch mit den gleichen Problemen konfrontiert sein. Da dieser Entwicklungssprung hier aber erst in den letzten 40 Jahren statt gefunden hat, konnte man viele Probleme sehr einfach dadurch voraussehen, dass man einfach mal einen Blick auf europäische und amerikanische Großstädte wirft. Und mit einer Regierung die weiß das sie noch sehr lange an der Macht sein wird und daher mit 40 – Jahresplänen arbeitet lassen sich diese Probleme dann angehen bevor sie eigentlich auftreten. Eine typische Sache die z.B. Kuala Lumpur überhaupt nicht in den Griff kriegt ist die Überlastung des Verkehrssystems durch privat PKW durch die enorme Einwohnerdichte. Singapur hat das Problem dadurch „gelöst“ das ein Auto hier gut doppelt so viel kostet wie in Europa (Steuern) plus weitere enorme Unterhaltssteuern. Um ein Auto kaufen zu dürfen, muss man z.B. erst ein certificate of entitlement (COE) erwerben. Diese kann man ausschließlich in einem Versteigerungsprozess erwerben. Alle kaufwilligen nehmen an dieser Versteigerung teil und nennen einen Preis den sie bereit wären zu zahlen. Am Monatsende wird eine bestimmte Anzahl (im Falle von Taxis und Autos unter 1600 cc z.B. 1581 Stück) an die in diesem Falle 1581 meistbietenden vergeben - zum Preis den der 1581-ste angegeben hat. Der Preis für ein COE unterliegt daher wahnsinnigen Schwankungen. Im oben genannten Beispiel lag der Preis bei 10.455 S$ im letzen Monat (niedrig aber noch im Rahmen) und ist diesen Monat auf nur 2 S$ abgestürzt! Vermutlich aufgrund der drohenden Finanz-/Wirtschaftkrise gab es nur 1582 Bieter..
Das so eingenommen Geld wird ins öffentliche Verkehrssystem gesteckt. Im Prinzip also durchaus zielführend und erfolgreich – aber versuch das mal in einer „echten“ Demokratie. Da sieht’s dann aber schlecht aus mit Wiederwahl – unsere Ökosteuer ist absolut nichts gegen das was die hier zahlen.
Ein anderes typisches Problem in „Erste-Welt-Ländern“ ist die Überalterung der Bevölkerung. Um den entgegenzuwirken hat die Regierung in den 70igern / 80igern (!) eine Initiative gestartet die bis heute läuft. Die Sozial Development Unit (SDU) war dafür verantwortlich die Bevölkerung dazu anzuhalten auch weiter brav genug Kinder zu bekommen. Ein besonders großes Problem sah man damals darin, dass Frauen die Zugang zu höherer Bildung (z.B. Studium) bekamen, danach zu einem sehr großen Teil unverheiratet blieben, weil es undenkbar war für einen Mann im traditionellen Wertesystem war eine Frau mit höherem Bildungsstand zu heiraten. Also begann die SDU gezielt Beziehungen zwischen Akademikern zu fördern. Und das tut sie (unter einem anderen Namen) immer noch. Erst vor kurzen wurden die entsprechenden Dating Agenturen „outgesourced“, d.h. sind nicht mehr direkt in staatlicher Hand aber doch mit öffentlichen Geldern bezahlt. Erst neulich habe ich über meinen Uni-account eine email bekommen: Als Abgänger der Uni hätte ich einen Anspruch auf kostenlose Mitgliedschaft in einer dieser Dating Agenturen…. Und sowohl damals wie heute finden nicht nur Ausländer sondern auch Locals die ganze Geschichte äußerst amüsant. SDU wird im Volksmund interpretiert als „Single Desperate Unwanted“ ;-). Aber die Regierung hat irgendwelche Studien die belegen dass die Aktion erfolgreich ist – und deswegen wird sie bis heute weitergeführt. Trotz aller Witze von Seiten der Bevölkerung.

Ein weiteres Problem, mit dem Singapur als Stadtstaat zu kämpfen hat ist die absolute Abhängigkeit von anderen Ländern die man gerne reduzieren möchte. Singapur ist auf durchgehende Wasserlieferungen von Malaysia angewiesen – woher soll man auch als kleine Insel das Wasser für 4 Mio Leute nehmen? Es gibt in der Mitte der Insel ein recht großes Gebiet (gemessen an der Größe der Insel) mit primärem Regenwald und einer Seen-Landschaft die als Wasserreservoir dient. Es ist vielleicht etwas verrückt mitten in einer Millionen-Stadt ein Wasserreservoir anzulegen und bei hochschießenen Landpreisen darauf zu bestehen das der Regenwald als Barriere zwischen dem Dreck der Großstadt und dem Trinkwasser im See stehen bleibt – aber wenn die Regierung das sagt dann wird das auch gemacht. Dann hat man (ich glaub ich den 80gern) auf die Landkarte geschaut und den Singapore River gesehen der in die Marina Bay mündet – schön noch mehr Wasser. Nun kann man sich ja vielleicht vorstellen wie in einer Stadt deren Industrie in der Zeit einen Start von 0 auf 100 hingelegt hat ein Fluss aussieht der da mitten durch fließt. Eine einzige Drecksbrühe. Als die Regierung sagte wie will den Singapore River (Drecksbrühe) und die Marina Bay (Drecksbrühe + Salzwasser) in ein Trinkwasserreservoir umwandeln wurde sie natürlich für verrückt erklärt. Aber wenn die Regierung sagt, sie macht alle „dreckigen“ Firmen und Industrieanlagen in der Nähe des Flusses dicht, investiert Unsummen an Geld in die Reinigung und baut einen gigantischen Damm der Marina Bay vom offenen Meer trennt und irgendeine spezielle Süß/Salzwassertrenntechnik verwendet, dann tut sie das auch. Heute ist der Singapore River sauber und erst vor ein paar Tagen wurde der Damm eröffnet (oder geschlossen, je nachdem wie man‘s betrachtet). In etwa 2 bis 3 Jahren soll die gesamte Bucht mit Süßwasser gefüllt sein!
Somit ist das Ziel nicht mehr auf Wasserimporte von Malaysien angewiesen zu sein, in greifbare Nähe gerückt. Der zweite wichtige Rohstoff ist Öl. Singapur selber hat keine natürlichen Ölvorkommen, daran kann auch die Regierung nichts ändern. Aber man kann ja einen Vorrat anlegen. Bloß wo? Die Insel ist ja schon zugebaut bis auf den Regenwald den man nicht anfassen will. Es wurden (und werden immer noch) 200 Meter unter der Stadt riesige Vorratshallen angelegt um genau solche Sachen lagern zu können. Teilweise wird im Rahmen von Landgewinnungsmaßnahmen Neuland aufgeschüttet und dann unter diesem Neuland gleich ein unterirdisches System angelegt. Verrückt, aber beeindruckend.

Man sieht also an diesen Beispielen, dass die Regierung die Sachen schon in einer Art und Weise anpackt die letzten Endes oft zielführend ist, und das das aber nur funktioniert, weil sie tatsächlich Pläne machen kann die über eine Legislaturperiode von vier Jahren hinausgehen. Und das vieles auch nur möglich war (z.B. das dicht machen von den Firmen, die den Singapore River potentiell verschmutzen könnten) weil die Singapurianer als Bürger weniger Rechte besitzen wir das aus europäischen System gewohnt sind. Kurz, weil es eben ein sehr autoritäres System ist das in der Lage ist, auch erst mal unliebsame Entscheidungen durchzusetzen. Das das natürlich dann auch mal Blüten treibt die wirklich eher weniger sinnvoll sind, ist eigentlich nicht so verwunderlich. Wer die Macht hat jeden Mist durchzusetzen der setzt auch manchmal einfach Mist durch. Aber man muss fairerweise auch sagen dass die Regierung auch durchaus ein offenes Ohr dafür hat wenn die Bevölkerung sich arg beschwert und dann auch durchaus mal was zurücknimmt. Oder umbenennt, wie im Falle der SDU.


Ein autoritäres System beinhaltet immer eine mehr oder weniger starke Bevormundung der Bevölkerung und in Singapur ist glaube ich diese kollektive Sicherheitsparanoia eine der Auswirkungen dieser Bevormundung. Meine Waschmaschine wäscht nur mit kaltem Wasser, weil man könnte es ja sonst schaffen die Maschine bei laufendem Betrieb zu öffnen und wenn man ganz schnell ist könnte man es dann schaffen sich zu verbrennen bevor das Wasser ganz abgelaufen ist! Also bleibt lieber die Wäsche dreckig, das ist sicherer.
Überhaupt wenn man wahllos durch die Stadt läuft und den Blick über Plakate und Schilder schweifen lässt – jedes zweite Wort ist SAFETY. Und es werden alle möglichen (und unmöglichen) Verbotsschilder überall hingepflastert damit auch ja nicht auf die Idee kommt irgendetwas zu tun womit man sich potentiell weh tun könnte. Und wenn es sich ausnahmsweise mal gerade nicht um ein Verbotsschild handelt, dann handelt es sich um ein Schild dass einen auffordert, sich die Hände nach dem Benutzen der Toilette zu waschen, die Spülung zu betätigen, das Tablett wegzuräumen oder sonst irgendwas von dem man meinen sollte, dass es doch eh alle tun sollten ohne dazu ständig aufgefordert werden zu müssen. Meistens sind diese Aufforderungen dann auch noch mit irgendwelchen lustigen Comicbildern illustriert.



Der Staat versucht hier also auf jegliche erdenkliche Art und Weise in das Alltagsleben der Menschen einzugreifen, um auf diese Art und Weise die Menschen in einer Art und Weise zu formen um so gewissse Probleme von vornherein zu umschiffen oder nachträglich zu „lösen“. Und die oben genannten Problemchen sind bei weitem nicht die einzigen Kandidaten. Denn obwohl die Menschen hier unten super freundlich und hilfsbereit sind, fehlt das Verständnis für Umweltschutz und für „Orte so verlassen wie man sie vorgefunden hat“. Singapur ist eine saubere Stadt - aber hauptsächlich weil es eine ganze Arme an Putzleuten gibt (meist Gastarbeiter) die hinter den Singapurianern herputzen. Und deswegen ist letzteren völlig das Bewusstsein dafür abhanden gekommen dass man ja mal seinen eigenen Dreck wegräumen könnte.

Ein viel ernsteres Problem ist Rassismus, der immer wieder mal zwischen den Volksgruppen hochkommt. Die enormen Zuwanderungsraten (mittelfristiges Ziel der Stadtplaner ist 6 Mio) bringen natürlich Integrationsprobleme mit sich, vor allem da Singapur als sehr junge Nation sich noch etwas schwer tut eine nationale Identität zu entfalten. Die Regierung ist natürlich bemüht dieses Problem so weit es geht in den Griff zu bekommen (es gibt z.B. Quotenregelungen, wieviel Prozent von welcher Ethnie in welchem Wohnblock wohnen dürfen) aber immer wieder merkt man doch dass es unter der Oberfläche etwas brodelt.
Auch aus diesen Gründen sind die Leute hier noch(!) gewillt die Einschränkungen durch ein autoritäres System in Kauf zu nehmen, auch wenn gegen einzelne Aktionen heftig protestiert wird. Es herrscht die Auffassung dass man sich den „Luxus“ einer Demokratie erst leisten kann, wenn das Land sicher auf dem grünen Zweig ist und alle größeren Anfangsprobleme die einschneidende Maßnahmen erfordern, gelöst sind. Im allgemeinen wird ein langsamer Prozess hin zu mehr persönlicher Freiheit und auch Pressefreiheit gewünscht. Und es tut sich auch immer wieder ein bisschen was in diese Richtung.

Es gibt in Singapur zwar offiziell nur eine Zeitung, die Straight Times, die von der Regierung kontrolliert wird und daher vor allem im innenpolitischen Teil sehr subjektiv ist, aber es gibt ja noch das Internet, z.B. „The online Citizen“. (Und da hat die Regierung die Zensur inzwischen größtenteils aufgegeben.) Viele kritische Themen werden von der ST möglichst lange totgeschwiegen, um der Regierung die Gelegenheit zu geben zu reagieren und eine Lösung zu präsentieren bevor sich alle allzusehr aufregen. So ist es z.B. bei der Finanzkrise gelaufen, als aufkam das einige staatliche Institutionen öffentliche Gelder in einem Lehman Brothers Paket investiert hatten. Solche Themen sind meist schon längst in alle Munde bevor sie dann auch irgendwann mal in der Zeitung stehen. Und auch einige Maßnahmen der Regierung (z.B. diese Dating Geschichte) werden eher schweigsam behandelt. Die Locals hier finden deswegen den Slogan („Uniquely Singapore“) des Tourismboard sehr passend. „Uniquely Singapore – we don’t even know it ourselves!“

Letztendlich – ist Demokratie gut? Ist ein autoritäres System schlecht? So ganz pauschal lässt sich diese Frage glaube ich nicht beantworten. Es kommt durchaus auf die Situation an, in der sich ein Land gerade befindet. Demokratie hat in der westlichen Welt sehr gut funktioniert – aber es ist ein System das dort natürlich wachsen konnte. Der Versuch dieses System zu exportieren und nach Abzug der Kolonialmächte in Südostasien unser Demokratiesystem den neu gebildeten Ländern auf zu oktroyieren ist kläglich gescheitert. Nach Jahrzenten, die von politischen Unruhen geprägt waren, sind Indonesien und Philippinen die nach unseren Maßstäben „demokratischten“ Ländern – und bilden zugleich das Schlusslicht in Südostasien was politische Stabilität, Wirtschaftswachstum, Bildungschancen, Sicherheit, Lebenstandard – kurz was Entwicklung anbelangt. Wie soll auch jemand der nie eine Schulbildung genossen hat vernünftig wählen gehen? Am erfolgsreichsten dagegen ist Singapur, gefolgt vermutlich von Malaysien und Thailand, zwei Königreichen.
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