Die Zugfahrt von Singapur hoch nach Jerantut, dem nächsten größerem Ort mit Zuganbindung in der Umgebung von Taman Negara, dauerte etwa neun Stunden und war mal wieder ein typisches Beispiel für die Art, in der Zeit hier unten in Südostasien wahrgenommen wird. Planmäßige Abfahrtszeit war 18:00 und Ankunftzeit 2:00 Uhr morgens, aber im Endeffekt fuhr der Zug in Singapur (Startbahnhof dieses Zuges) gegen halb acht ab und erreichte Jerantut zwischen vier und fünf Uhr morgens. Gestört hat diese „leichte“ Verspätung allerdings Niemanden . Es fahren auf der Strecke etwa 4 Züge am Tag (und ungefähr genauso viele auf Malaysias zweiter Bahnstrecke), die meistens davon nachts. Und ob man jetzt um 2 ankommt oder um 5 – spart man sich eben das Hostel für die Nacht ;-). Als ich den Schaffner auf etwa halber Strecke frage wann wir denn voraussichtlich ankommen würden, zuckte er bloß mit den Schulter und meinte „3 plus“. Zum Glück weckt der Schaffner jeden einzelnen Passagier kurz vor Erreichen des jeweiligen Zielbahnhofes. Der Zug an sich war auch durchaus interessant. Angefangen bei der der Tatsache dass die mit offenen Türen fährt. Auch die Passagiere waren sowieso recht anders als typische Passagiere der Deutschen Bahn. Nicht nur, dass ihnen die Verspätung nichts ausmachte, sondern sobald sich jemand auf den Platz neben mir setzte stellte er sich erst mal vor und erzählte mir seine halbe Lebensgeschichte. Die allermeisten Passagiere waren Malaien, so dass man sich auf Englisch mehr schlecht als recht verständigen konnte aber es ging. Man hatte ja Zeit. Am interessantesten fand ich die Diskussion mit einem malaysischen Familienvater, der als Gastarbeiter in Singapur arbeitet und der von mir wissen wollte warum eigentlich der westliche Lebensstil soviel besser wäre als der südostasiatische/malaysische und warum wir Malaysia ein „Entwicklungsland“ nennen und was „Entwicklung“ eigentlich ist. Tja, gute Frage…
Ab Jerantut ging’s dann per Taxi (naja, eher Mitfahrgelegenheit bei einem Malayen der sich noch ein paar Ringit dazu verdienen wollte) und Longboat (ca. 3 Stunden den Tempeling flussaufwärts, mit Dschungellandschaft an beiden Ufern) weiter nach Kuala Taman, einem kleinem Dorf das im Wesentlichen aus dem Nationalpark Center und ein paar einfachen Unterkünften „floating restaurants“ besteht.
Das Dorf befindet sich hauptsächlich auf der einen Flussseite, auf der anderen Seite beginnt der eigentlich Nationalpark mit dem Park Center und auf dem Fluss schwimmen die „floating restaurants“, von der Dorf Seite her über ein paar Planken zu erreichen. Zwischen den beiden Flussseiten verkehrt das Wassertaxi, dass einen für 1 RM (20 Eurocent) über den Fluss bringt.
Nachdem wir (Ben, Yvonne (noch zwei Physiker) und ich) uns eine Bleibe im „Tempeling Riverview“ für die Nacht organisiert hatten machten wir uns auf dem Weg um Gua Telingga, eine Höhle im Nationalpark zu erkunden. Im Wassertaxi trafen wir noch zwei Franzosen (die beide Syrill hießen – Franzosen sind komisch) die sich uns anschlossen, und dann ging’s ab in den Dschungel, etwa zwei Kilometer lang einem relativ gut markierten Weg folgend. Da wir noch relativ nah an Kuala Taman waren, gab es noch nicht viele Tiere zu sehen (aber laut war es da oben in den Baumkronen!), aber allein die Vegetation war gigantisch.
Schließlich erreichten wir aber Gua Telingga. Hinter einem recht unscheinbaren Höhleneingang ging es etwa 20 Meter in den Berg rein, wobei man sich diese 20 Meter nicht als geraden Tunnel sondern vielmehr als eine Art gewundenen unterirdischen Flusslauf, immer wieder teilweise blockiert durch große Felsblocken, vorstellen muss. Die zahlreichen Nischen der Höhle bieten Unterschlupf für Fledermäuse, von denen uns auch einige empört entgegen kamen als wir in die Höhle stiegen.
Auf dem Rückweg nahmen wir uns noch die Zeit, ein auf dem Weg gelegenes Orang Asli Dorf (malaysische Ureinwohner) anzuschauen. Diese Dörfer, von denen wir auch in den nächsten Tagen noch einige sehen sollten, bestehen aus einer Ansammlung von Hütten die aus Palmenblättern gebaut werden. Die Hütten haben keine Wände, sondern das Dach sitzt quasi direkt auf dem Boden, mehr zeltförmig also.
Nach dieser ersten Dschungelerfahrung, einigen Diskussionen mit den dortigen Reiseorganisationen, die geführte Touren anbieten und mit dem Parkwächter kamen wir zu dem Schluss dass die dort angebotenen Touren erstens ziemliche Massenabfertigungen und zweitens recht überteuert (für malaysische Verhältnisse) waren. Also starteten wir stattdessen am nächsten Morgen, nach Absprache mit dem Parkwächter, auf unsere eigene Zwei-Tages-Tour, ohne Führer. Und die hat sich gelohnt! Die Nacht planten wir in einem „Hide“ zu bleiben, einem Unterschlupf von dem aus man nachts mit etwas Glück einige nachtaktive Bewohner des Dschungels zu sehen kriegt. Allerdings ist es auch nicht mehr als ein Unterschlupf, d.h. man muss komplette Ausrüstung für zwei Tage mitschleppen. Relativ am Anfang der Tour, noch in der Nähe vom Park Center, gab’s erst mal den „Canopy Walkway“, eine 500 Meter lange Hängebrücke zwischen den Baumwipfeln, auf 45 Meter Höhe, mit teilweiser grandioser Sicht auf dem umliegenden Dschungel und den Fluss.
Danach ging’s weiter durch den Dschungel, das Flussufer hoch. Ziemlich schnell wurde klar, dass wir die Standard-Touri Strecken hinter uns gelassen hatten. Zwar war der Weg relativ gut markiert, aber zahlreiche umgestürzte Bäume, sehr steile Anstiege und mindestens genauso steile, schlammige Abstiege erschwerten das vorankommen.
Teilweise ging’s wirklich fast senkrecht hoch und runter, den einzigen halt boten die zahlreich vorhandenen Wurzeln und die manchmal vorhandenen Seile. Und die Blutekel! Die schienen richtig ausgehungert zu sein und nur darauf zu warten dass man vorbeilief und dann schups, waren sie den Schuh hinaufgeklettert und hatten sich in die Wade verbissen. Socken hochziehen half nichts, da beißen die Biester einfach durch und die ganz hinterhältigen krabbeln in den Schuh rein wo man sie nicht so schnell entdeckt (und auch keine Lust hat alle paar Meter den Schuh auszuziehen – denn das bedeutet stehenbleiben und stehenbleiben bedeutet man ist Blutekelfutter.) Sobald man also ein paar abgepuhlt hat, das frische Blut herunterläuft (und natürlich die Biester erst recht anlockt) und man ein paar Minuten gelaufen ist hat man schon wieder so ne Familie dran kleben. Zum Glück tun die Bisse nicht weh.
In der Nacht wachte ich dann nochmal auf, weil etwas um mich herumhuschte und dann direkt über mir anfing zu kratzen und zu nagen und jede Menge Krach machte. Und zwar jede Menge mehr Krach als der ganze Dschungel da draußen, der piepte, grunzte, raschelte, knackste, quakte, zirpte und quiekte als gäbe es was zu gewinnen. Unser Essen war zwar unangetastet, aber als gegen vier Uhr morgens etwas unsere leeren Dosen herunterschmiss, die doch immerhin in einem halben Meter Höhe standen, suchten wir doch die ganze Hütte per Taschenlampe ab – wer weiß was im Dschungel noch so für Viecher gibt. Aber ergebnislos. Mehr Glück hatte ich kurze Zeit später, als direkt neben meinem Kopf das Toastbrot anfing zu knistern, zu rascheln und zu schmatzen…
Unser nächtlicher Besucher, der wahrscheinlich vom Kamerablitz den Schock seines Lebens bekommen hat, stellte sich als harmlose, süße kleine Maus heraus. Aber einen Lärm gemacht wie ein Dinosaurier. Da ich nun eh schon mal auf war blieb ich gleich wach und beobachtete die Dämmerung über den Dschungel heraufziehen. Neue Tiere habe ich da zwar keine mehr gesehen, aber es war trotzdem wunderschön.
Sobald es dann hell war packten wir zusammen und machten uns auf den Weg – der Rückweg verlief in einem Bogen durch das Hinterland und nach den Erfahrungen vom Vortag wussten wir dass Kilometerangaben im Dschungel kein gutes Maß für die nötige Laufzeit sind. Die erste leichte Komplikation stellte sich bereits nach etwa einem halben Kilometer: Die übliche Abneigung gegenüber Brücken machte auch vor größeren Flüssen keinen Halt.
Ein knapp 20 Meter breiter Fluss der das dort übliche schlammige, undurchsichtige Wasser führt und dessen Grund irgendwo in unbekannter Tiefe unter diesem Wasser liegt. Ein kurzer Test ergibt dass das Wasser bereits wenige Zentimeter vom Ufer weg bereits hüfthoch ist. Einzige Hilfestellung ist ein Seil, das etwa einen halben Meter über der Wasseroberfläche quer über den Fluss gespannt ist. Ein klarer Hinweis, dass man hier wohl rüber soll. Also schwitze Wanderklamotten gegen Bikini getauscht und rein ins kühle Nass. Der Taxifahrer der uns zum Longboat Jetty gefahren hat, hatte uns erzählt dass die Flüsse hier ungefährlich seien – nur kleine Fische die ein bisschen an den Beinen knabbern. Es ging dann auch ziemlich gut, die schlimmste Stelle war gleich am Anfang und das Wasser wurde dann auch nicht mehr tiefer. Die Strömung war recht stark aber dazu hatte man ja dann das Seil.
Gegen Nachmittag erreichten wir ziemlich erschöpft, völlig verschwitzt, verdreckt, mit blutverkrusteten Socken aber sehr glücklich Kuala Taman, wo wir ziemlich seltsame Blicke von einer Gruppe älterer Amis ernteten, die gerade per Longboat an ihrem Luxus-Resort ankamen als wir per Wassertaxi den Fluss überquerten ;-). Nach etwa zwei Liter Wasser, einer gründlichen Blutegelentfernung, einer erfrischenden Dusche, einem sauberen T-shirt und einem warmen Essen fühlte man sich dann auch wieder wie neugeboren, und bereit den Bus zurück nach Jerantut zu nehmen.
Frühzeitig an der Busstation bekamen wir noch eine Mitfahrgelegenheit im NKS – Bus, und zwar zum Preis vom öffentlichen Bus obwohl der NKS normalerweise das drei bis vierfache von den Touris verlangt. Und das war großes Glück, den später stellte sich heraus dass für den öffentlichen Bus (den letzen an diesem Tag) galt: „No bus. Maybe breakdown. No bus today“. Aber so kamen wir problemlos nach Jerantut und von dort aus dann mit dem Nachtzug (der außerordentlich pünktlich, nur eine Stunde nach planmäßiger Abfahrtszeit auch kam) zurück nach Singapur. Die Wartezeit am Bahnhof verbrachte ich unter anderem damit mit einem Malaien, der als Gastarbeiter in Singapur gearbeitet hatte, darüber zu diskutieren ob die singapurianische oder die malaysische Art zu leben besser sei und ob Western oder Asian food besser schmeckt. Ich war für die malaysischer Lebensweise und Asian food aber er genau entgegengesetzter Meinung und konnte mich gar nicht verstehen. Alles in allem also ein geniales (verlängertes) Wochenende und meine Blutegelbisse verheilen auch schon wieder.
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